Kleiner Ausflug mit den Kindern zur Blumenwiese (Verfasserin Anna Gassmann ganz rechts). | © Anna Gassmann
23.07.2020 – Aktuell

Von Kulturschock und Sonnenbrand

Anna Gassmann (19) berichtet aus ihrem Volontariat mit Voyage-Partage im rumänischen Siebenbürgen

Die Maturandin Anna Gassmann aus dem luzernischen Hildisrieden absolviert zurzeit ein sechsmonatiges Volontariat in Rumänien, das vom Verein Voyage-Partage organisiert wird. Im Herbst will sie mit dem Studium der Logopädie beginnen.

 

Am 6. Februar dieses Jahres stieg ich in den Zug, auf ins Abenteuer, auf in mein Volontariat. Gut gerüstet fühlte ich mich, mit Gepäck und Vorbereitung. Ich, Anna Gassmann, 19 Jahre jung, starte mit Voyage-Partage mein Volontariat in Rumänien. Nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Zug. Keine schnelle Landung, sondern ein langsames Hineinschaukeln in eine vertraute und dennoch andere Kultur und Gesellschaft.

Den ersten kleinen Kulturschock hatte ich während des Reisens. Ich wählte bewusst regionale Züge, um möglichst viel zu sehen. Ein kleiner Zug, alles quietscht und knarrt, offene Türen, marode Gleise. Und Schaffner, die mein Interrailticket nicht akzeptieren, da sie es nicht kennen. Schock! Doch irgendwie klappt immer alles; überall auf dieser Welt gibt es hilfsbereite Menschen.

 

Nicht anders als zu Hause – oder doch?

Einmal in Gheorgheni, einer Kleinstadt im Osten des ungarischsprachigen Siebenbürgen, angekommen, bin ich erleichtert. Eine schöne Stadt, viele Einkaufsmöglichkeiten, gute Infrastruktur im Heim, sehr herzliche Leute. Ein eigenes Zimmer und Bad, sehr feines Essen – was will man mehr? Von Verzicht kann keine Rede sein, ich habe viel mehr als nötig. Für ein Volontariat ein richtiges Luxusleben! Auch der Umgang der Leute untereinander scheint mir auf den ersten Blick nicht anders als zu Hause.

Doch gerade durch den vertrauten Anschein führen unerwartete Kleinigkeiten, die anders sind, trotzdem wieder zu einer Art Kulturschock. So beispielsweise der Umgang zwischen den Geschlechtern. Eine Frau hat grundsätzlich niemanden per Händeschütteln zu begrüssen. Dass ein einfaches Händeschütteln ein Zeichen des Respekts eines Mannes gegenüber der Frau ist, wusste ich zunächst nicht. Ich musste mich also zuerst daran gewöhnen.

 

Arbeit im Kinderheim, auf Ungarisch

Nun bin ich bereits mehr als fünf Monate hier im Kinderheim Szent Anna Otthon. Es gehört zur Stiftung Heiliger Franziskus, welche von Bruder Csaba gegründet wurde. Rund dreis­sig Kinder im Alter von fünf bis achtzehn Jahren fanden im Heim ein neues Zuhause. Ich helfe hier zwei anderen Betreuenden, damit das Zusammenleben funktioniert.

Doch Ende Juli geht es bereits zurück in die Schweiz. Dies fühlt sich noch unrealistisch an, denn hier, mitten in Rumänien, habe ich eine zweite Heimat gefunden. Weit weg von zu Hause, europäisch, vertraut und doch anders. Dabei geholfen hat sicher auch, dass ich von den Kindern sehr schnell gut aufgenommen wurde, trotz meiner anfangs mangelhaften Ungarischkenntnisse.

A propos Ungarisch: Letzthin gab es einen lustigen Moment: Szokáts-Néni, die Köchin, und ich hielten ein Schwätzchen. Pali, der Heimleiter, kam herein, hörte kurz zu und mischte sich dann in unser Gespräch ein. Dies war das erste Mal, dass er mich fliessend Ungarisch sprechen hörte, da wir uns sonst immer nur so husch, husch sahen. Seine Reaktion, freudig überrascht: «Hogy szépen beszélsz Magyaru!» – «Wie gut du Ungarisch sprichst!»

 

Ausgefüllte Tage, und dann auch mal raus

Aber mein Alltag hier ist nicht immer nur gemütlich: Die Vormittage verbringe ich oft in der Küche und helfe Szokáts-Néni. Dazwischen unterstütze ich die Kinder beim Lernen und Hausaufgabenmachen. Nebenbei erledige ich irgendwann die Wäsche, damit ich am Nachmittag etwas Zeit für mich habe, wenn die kleinen Kinder ihren Mittagsschlaf machen. Danach heisst es wieder beim Lesen, Rechnen und Lernen helfen oder auch mal mit den Kindern zu tanzen oder Fussball zu spielen. Um sechs Uhr abends kochen wir dann das Abendessen.

Doch es gibt auch spezielle Momente, die mir lange in Erinnerung bleiben werden. So wanderten wir vor ein paar Wochen zur Szent Anna Kápolna, einer Kapelle auf einem Hügel, etwa eineinhalb Stunden Fussmarsch entfernt. Dort machten wir ein Feuer, assen zu Mittag und genossen das herrliche Wetter. Dies war ein super Tag, es tat so gut, etwas weiter hinauszukommen. Auch die Kinder genossen es, die nächsten Tage bestürmten sie mich mit der Frage, wann wir wieder dorthin gehen. Ein Andenken an diesen Ausflug blieb jedoch hartnäckig an mir haften: ein riesen Sonnenbrand!

Zurück in der Schweiz werden mich Freunde und Familie wohl nicht mehr wiedererkennen, wie eines der Mädchen letzthin bemerkt hat: Nun kannst du kochen, einen Haushalt schmeissen, für 20 Kinder schauen und du hast zugenommen – sehr charmant.

Ich kann jeder und jedem empfehlen, den Schritt in ein Volontariat zu machen. Dabei muss man nicht um den halben Erdkreis fliegen, um viele spannende Erfahrungen zu machen.

Anna Gassmann