Das älteste Gallusbild, um 895, Rückseite des Prachteinbandes des Evangelium Longum. Das Detail zeigt die Legende von Gallus und dem Bären. | © Stiftsbibliothek St.Gallen
07.03.2019 – Aktuell

Von braven Bären und einem Mönch mit Sommersprossen

Neue Dauerausstellung im Weltkulturerbe Stiftsbezirk St. Gallen zeigt 1400 Jahre Kulturgeschichte

«Gallus und sein Kloster» lautet das Thema der neuen Dauerausstellung im neu eröffneten Gewölbekeller des Stiftsbezirks St. Gallen. Peter Jezler hat kath.ch durch die Ausstellung, die den Weg des Heiligen Gallus nach St. Gallen aufzeigt, begleitet.

 

Im Gewölbekeller unter der Stiftsbibliothek ist es lärmig und staubig. Die Arbeiter legen letzte Hand an im ehemaligen barocken Weinkeller, der für eine neue Ausstellung komplett saniert wurde. Mitten im Staub steht Ausstellungsmacher Peter Jezler. «Von den technischen Anforderungen her war das für mich die bislang schwierigste Ausstellung. Aber ich denke, der Aufwand hat sich gelohnt», sagt er.

 

Von Irland zu uns

Die neue Ausstellung spannt den Bogen vom Untergang der Antike über die klösterliche Überlieferung bis zur barocken Fürstabtei und zur Auflösung des Klosters in der Zeit Napoleons. «Die Grundidee der Ausstellung ist, dass wir zeigen, was für eine Funktion ein Kloster hatte und wie es sich entwickelt hat», erläutert Jezler.

Ein Schwerpunkt liegt auf der irischen Mission und dem Leben des heiligen Gallus. In einem eigens für diese Ausstellung aufwendig erstellten Film wird vor allem der Spezialfall von Irland anschaulich dokumentiert: Ein Land, das nie von den Römern besetzt wurde, von der Völkerwanderung verschont blieb, aber schon um das Jahr 400 missioniert wurde.

«Dort hat sich auf faszinierende Art und Weise ein frühes, eigenes Christentum herausgebildet», erklärt Jezler. Der Film zeige, wie die irischen Mönche im Laufe der Zeit aufs Festland gingen, mit ihrer Arbeit als Missionare begannen und somit das Christentum ins Steinachtal brachten.

 

Ins beste Licht gerückt

Die Ausstellung «Gallus und sein Kloster» führt anhand von Originalhandschriften und Objekten durch 1400 Jahre Kulturgeschichte. Von der Einsiedlerzelle des Gallus bis zum Unesco-Weltkulturerbe Stiftsbezirk. Beim Rundgang vor Ausstellungseröffnung sind einige der Ausstellungsstücke noch im Depot verstaut, andere können bereits in hohen Vitrinen bestaunt werden. Da liegt beispielsweise die «Lex Alamannorum», eine äusserst wertvolle Handschrift aus dem frühen 8. Jahrhundert. Ebenso bedeutend sind die ältesten Musiknoten, die es auf der Welt gibt, die hier gezeigt werden.

Jezler führt in den hinteren Bereich des Gewölbes, wo schwere Steine liegen. Der Ausstellungsleiter steht vor den wuchtigen Kapitellen und archäologischen Funden aus der 837 eingeweihten Gozbertbasilika. Diese, erklärt Jezler, stehe für die frühmittelalterliche Architektur in der Zeit des St. Galler Klosterplans. Fundament, Kapitell, Plattform und Säule – aus diesen Elementen wuchsen Gotteshäuser gen den Himmel. Diese Kapitelle waren einst im Fundament der gotischen Kirche eingemauert und konnten bei Grabungen in den 1960er-Jahren geborgen werden. «Dieser Fund ist der vielfältigste, den es in Europa gibt. Wir haben die Stücke hier ins beste Licht gerückt.»

Als Höhepunkt der Ausstellung gilt das «Evangelium Longum», geschaffen von den St. Galler Mönchen Sintram (Schrift) und Tuotilo (Einband) um das Jahr 895. Viele Experten bezeichnen das prächtige Buch als das schönste Evangelium der Welt.

Das untere Relief stellt die legendäre Begegnung des heiligen Gallus mit dem Bären dar. Auf Gallus’ Befehl bringt das Tier Feuerholz. Zum Dank schenkt der Heilige ihm ein Brot. Die älteste bildliche Darstellung von Gallus zeige, dass er als Heiliger nicht einmal vor einem Bär Angst hatte.

 

Irischer Druide mit Sommersprossen

Im «irischen» Teil der Ausstellung ist das irische Evangeliar von St. Gallen zu sehen. Evangelientexte, illustriert mit zwölf Schmuckzierseiten, von irischen Mönchen um 750 in Irland geschrieben und illuminiert. Fachleuten gilt das Buch als schönste irische Handschrift in der Stiftsbibliothek St. Gallen. Jezler erinnert an diesem Ort daran, dass St Gallen die Bibliothek mit dem grössten Bestand an irischen Handschriften ist.

In diesem Teil der Ausstellung, wo auch der Film über das frühe irische Christentum gezeigt wird, steht in einer gut ausgeleuchteten Ecke eine mannshohe Figur, die einen irischen Mönch darstellt. Die bärtige Figur mit dem langen Habit wurde für die Aus­stellung extra angefertigt und weist «über 150 000 eingezogene Haare und irisch anmutende Sommersprossen» auf, wie Jezler nicht ohne Stolz vermerkt. Eruiert wurde das Aussehen der Figur aufgrund von handschriftlichen Überlieferungen. Jezler resümiert: «Für mich war es eine neue Erkenntnis, dass irische Mönche nicht wie Mönche aussahen, sondern eher wie Druiden.»

 

Spannungsgeladene Geschichte

In einem eigenen Bereich wird die spätere Entwicklung der Fürstabtei und ihre Beziehung zur Stadt St. Gallen dargestellt, die oft spannungsgeladen war. Sakrale Kostbarkeiten aus Kirchenschatz und einer Kuriositätensammlung lassen die Blütezeit des Barocks aufleben. Einen veritablen Blickfang schuf Gabriel Loser in den Jahren 1751/1752. Der St. Galler Klosterbruder gestaltete aus Holz und Gips ein barockes Modell für die geplante Klosterkirche.

Vera Rüttimann, kath.ch