Sklaven auf einer Plantage in South Carolina (das Bild «The Old Plantation» entstand um 1790 und wird dem Sklavenhalter John Rose zugeschrieben). | © wikimedia
16.09.2019 – Hintergrund

Auch die US-Kirche war in den Sklavenhandel verstrickt

Mit der Abschaffung der Sklaverei waren Schwarze noch lange nicht gleichberechtigt

Die Sklaverei gilt als die Ursünde Amerikas. Ihre Folgen vergiften noch heute das Miteinander. Auch Priester, Bischöfe und Ordensgemeinschaften haben sich schuldig
gemacht.

Sonntagmorgen, elf Uhr – in dieser Stunde manifestiere sich die grösste Trennung des christlichen Amerika. Das beobachtete Anfang der 1960er-Jahre US-Bürgerrechtler Martin Luther King Jr. Denn um diese Uhrzeit gingen und gehen die Menschen in die Kirche. Damals wie heute bevorzugen nicht nur Katholiken, sondern auch Protestanten den Gottesdienstbesuch in einer Gemeinde mit Menschen eines ähnlichen sozialen und ökonomischen Status. Noch immer ist die Gemeindezugehörigkeit auch massiv von der Hautfarbe bestimmt.

Bischöfe im Kampf gegen Rassismus

Im 21. Jahrhundert hat die katholische Kirche in den USA nicht nur den Kampf gegen den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen aufgenommen. Ähnlich wichtig ist den Bischöfen heute der Kampf gegen Rassismus. Denn sie wissen, dass Priester, Bischöfe und Ordensgemeinschaften in früheren Jahrhunderten nicht nur Sklaven besessen haben, sondern auch aktiv in den Sklavenhandel verwickelt waren.

Nachdem die ersten afrikanischen Sklaven in Nordamerika eingetroffen waren, wurden sie auch von Katholiken erstanden und ausgebeutet. Manche jungen Frauen bekamen von den Eltern Sklaven geschenkt, die sie als ihre «Mitgift» mit ins Kloster nahmen. Auch Louis William DuBourg (1766–1833), Bischof in dem Gebiet von Louisiana, besass einige und versorgte auch die Vinzentiner in Missouri mit Sklaven. In den vergangenen Jahren wurden immer wieder neue Details bekannt.

So berichtete die «New York Times» 2016, dass die hoch angesehene Jesuiten-Universität Georgetown ihr Überleben im Jahr 1838 nur dem Verkauf von 272 Sklaven – Frauen, Männer und Kinder – verdankte, organisiert von zwei Jesuiten, den Präsidenten der Schule. Mit dem Erlös von heute umgerechnet über 3,3 Millionen US-Dollar konnten die Schulden der Universität getilgt werden. Inzwischen haben auch andere Top-Universitäten des Landes wie Harvard oder Princeton den seinerzeitigen Besitz von Sklaven zugegeben und die Erforschung in institutionelle Wege geleitet.

Spät wurden sich die nachfolgenden Generationen einer Schuld bewusst und bemühen sich um einen Ausgleich: Im April dieses Jahres haben die Studenten von Georgetown für die Einführung einer Zusatzgebühr gestimmt. Das Geld ist für einen Fonds gedacht, der den Verkauf der 272 Sklaven sühnen soll. Damit sollen benachteiligte Gemeinden unterstützt werden, in denen die Nachfahren der einst verkauften Sklaven leben.

US-Präsidenten als Sklavenbesitzer

Wie tief die Sklaverei in der Gesellschaft verankert war, zeigt auch die Tatsache, dass zehn der ersten zwölf Präsidenten Sklavenbesitzer waren. Sogar James Monroe, der eigentlich gegen die Sklaverei war, besass in seinem Leben rund 250 Sklaven.

Ähnlich widersprüchlich reagierten die katholischen Bischöfe auf das Schreiben «In supremo apostolatus», mit dem Papst Gregor XVI. 1839 den Sklavenhandel als Verbrechen bezeichnete und allen Kirchenstrafen androhte, die sich weiter daran beteiligen. Die US-Bischöfe bezogen das Verbot nicht auf ihr eigenes Leben, sondern nur auf die Situation in anderen Ländern.

Mit der Ratifizierung des 13. Zusatzartikels zur Verfassung der Vereinigten Staaten wurde Ende 1865 nach dem Bürgerkrieg (1861-1865) die Sklaverei auf dem gesamten Staatsgebiet der USA abgeschafft. Dennoch wurden sie auch kirchlicherseits lange nicht als gleichberechtigt anerkannt. Erst 1920 wurde ein Priesterseminar für junge Männer afroamerikanischer Herkunft eingerichtet.

Bürgerrechtsbewegung sorgte für Änderung

Eine Änderung trat in der US-Kirche erst mit dem Erstarken der Bürgerrechtsbewegung nach 1950 ein. 1958 positionierte sich die Bischofskonferenz zum ersten Mal deutlich, indem sie Rassismus verurteilte. 1979 folgte das Hirtenschreiben «Brothers and Sisters to us», und erst vor wenigen Monaten wurde das Grundsatzschreiben «Open wide our hearts» veröffentlicht.

Die Zahl der Bischöfe afroamerikanischer Herkunft liegt bis heute im unteren zweistelligen Bereich. Insofern war es bemerkenswert, dass Papst Franziskus am 4. April – dem 51. Jahrestag der Ermordung Martin Luther King Jr. – Wilton Gregory zum Erzbischof von Washington DC ernannte. Damit leitet erstmals ein Afroamerikaner das wichtige Hauptstadt-Erzbistum.

Christiane Laudage, kna; kath.ch