Niemals vergessen! Stolpersteine für Jochen Klepper, Johanna Klepper und Renate Stein in Berlin-Nikolassee. | © akg-images/Regina Müller
10.12.2020 – Impuls

Aus Psalm 57

Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig,
denn ich habe mich bei dir geborgen,
im Schatten deiner Flügel will ich mich
bergen, bis das Unheil vorübergeht.
Denn deine Liebe reicht, so weit der Himmel ist,
deine Treue, so weit die Wolken ziehn.

Einheitsübersetzung 2016

 

Unter dem Schatten deiner Flügel

Was braucht es doch viel Vertrauen in einer ausweglosen Situation. Und viel Glauben daran, dass es doch gut wird, dass ich begleitet bin, dass mich einer trägt, dass einer die Flügel über mich ausbreitet, bis das Unheil vorübergeht.

«Unter dem Schatten deiner Flügel», so der Titel der Tagebücher von Jochen Klepper, die er von 1932 bis 1942 schrieb. Sie entstanden in einer dunklen Zeit. Einer Zeit voller Bedrohung, im Krieg, unter Verfolgung. Wie viel Angst muss Jochen Klepper, muss seine Familie durchgestanden haben. Wirklich existenzielle Angst. Wem damals die Deportation drohte, dessen Leben war verloren.

Doch zugleich spricht unendlich viel Vertrauen schon aus dem Titel. Und unendlich viel Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht wird spürbar in den Gebeten, die Jochen Klepper geschrieben hat, und von denen einige in unserem Kirchengesangbuch abgedruckt sind. So viel Hoffnung findet sich in «Die Nacht ist vorgedrungen»: «Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt!» Darauf immer wieder vertrauen: dass in allem Dunkel, in allem Schrecklichen, das uns und der Welt widerfährt, einer ist, der nicht nur mitgeht und mitleidet, sondern ein Licht sein kann in der Dunkelheit.

Das Neujahrslied beginnt mit den Worten «Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen». Wenn wir mit diesen Worten in das kommende Jahr gehen, können wir das Alte hinter uns lassen und unter Gottes Segen das neue Jahr beginnen in der Hoffnung, dass es anders und besser wird als das aktuelle.

Schliesslich ist das «Trostlied am Abend» für mich eines der schönsten Nachtgebete überhaupt:

«In jeder Nacht, die mich umfängt,
darf ich in deine Arme fallen,
und du, der nichts als Liebe denkt,
wachst über mir, wachst über allen.
Du birgst mich in der Finsternis.
Dein Wort bleibt noch im Tod gewiss.»

Darauf hat Jochen Klepper mit seiner Frau Johanna und der Tochter Renate vertraut. Mehr als auf Gottes Gegenwart im irdischen Leben. Am 8. Dezember schreibt er: «Gott weiss, dass ich es nicht ertragen kann, Hanni und das Kind in diese grausamste und grausigste aller Deportationen gehen zu lassen.» Am 10. Dezember wurde klar, dass alle Bemühungen, Johanna und Renate nach Schweden ausreisen zu lassen, vergeblich gewesen waren. Seine letzten Worte:

«Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst.
Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott –
Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod.
Über uns steht in den letzten Stunden
das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt.
In dessen Anblick endet unser Leben.»

Dorothee Becker, Theologin und Seelsorgerin, Gemeindeleiterin der Pfarrei St. Franziskus, Riehen-Bettingen