Die Hoffnung Gottes, die in den Menschen schlummert, wartet so, wie die Wurzeln der Pflanzen und Bäume in der Tiefe der Erde auf die Wärme der Sonne warten. | © Bernd Schmidt/pixelio.de
23.01.2020 – Impuls

1 Petrus 4,7.10–11

Seid also besonnen und nüchtern und betet! … Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat! Wer redet, der rede mit den Worten, die Gott ihm gibt; wer dient, der diene aus der Kraft, die Gott verleiht. So wird in allem Gott verherrlicht durch Jesus Christus. Sein ist die Herrlichkeit und Macht in alle Ewigkeit. Amen.

Neue Einheitsübersetzung 2016

 

Unsere tiefste Wunde – und die Kraft, die sie heilt

Kürzlich kam ich von einem Arzttermin zurück. Die Ärztin schätze ich sehr, sie ist eine engagierte Katholikin gewesen. Ja, gewesen. Das trifft mich und stimmt mich traurig. Ein weiterer Rückzug. Ohnmacht schleicht sich wieder ein. Die Ohnmacht hat etwas Ansteckendes und Depressives.

Da war kürzlich die Bitte einer jungen Frau im Gefängnis. Sie griff in ihrer Zelle nach einer Schokolade, riss sie auf, brach eine Reihe ab. Dann überreichte sie die Reihe mir und sagte: «Während Sie diese Schokolade essen, beten Sie für mich. Bitte.» Es überraschte mich. Ich kann an ihrer schwierigen Situation so wenig ändern. Da war wieder dieses Gefühl der Ohnmacht. Aber diese Begegnung war ausgesprochen lebendig.

Und jetzt erinnere ich mich an die Weihnachtsgedanken des Abtes von Hauterive. Er zählte die grossen Themen auf, die wir zu behandeln und zu bewältigen haben – die Klimakatastrophen, das kirchliche Fiasko, die finanziellen Krisen und weitere grosse Aufgaben, die einer Lösung harren. Und dann die Frage: «Müsste unsere dringendste Sorge nicht der Pflege unserer tiefsten Wunde, der fehlenden Hoffnung gelten?» Fr. Marc de Pothuau spielte den Ernst unserer Situation nicht herunter. Die Frage aber bleibt für mich, und sie verändert mich grundlegend: Müsste unsere dringendste Sorge nicht (auch) der Pflege unserer tiefsten Wunde, der fehlenden Hoffnung gelten?

Diese Frage weckte mich auf. Und auch die Gestalt der hl. Angela Merici rüttelte mich auf.  Nach dem «dunklen Mittelalter», wie man es nennt, hatte die Heilige ein grosses Herz für die Mädchen und jungen Frauen. Sie spürte den Nerv der Zeit. Sie scharte weitere Frauen um sich und bildete die «Compagnia di Sant’Orsola». So entstanden kostenlose Elementarschulen, Mädchenschulen und Internate, bis zum heutigen Tag. In ihren Schriften lese ich folgende «Ricordi», «Merkschriften» an die Oberinnen: «Verliert nicht den Mut und glaubt nicht, euer Wissen und Können reiche für diese einzigartige Aufgabe nicht aus. Habt Zuversicht und das feste Vertrauen auf Gott, dass er euch in allem helfen wird; betet zu ihm … Er wird euch gewiss die Kraft geben, es zu vollbringen … Handelt, seid rührig und glaubt; müht euch und vertraut; ruft zu Ihm aus ganzem Herzen, und ihr werdet Wunderbares erleben …»

Unter der Wunde, in der Tiefe unseres Seins, ist Kraft, Trost und Zuneigung Gottes zu uns. Er neigt sich uns zu, uns allen, ohne Ausnahme. Die Kraft Gottes erquickt uns, löst eine tiefe Freude in uns aus. Sie stellt die menschliche, darniederliegende Würde wieder her. Wir sind doch mehr als die Ohnmacht.

Folgende Worte werden am Festtag der hl. Angela gelesen: «Wer redet, der rede mit den Worten, die Gott ihm gibt; wer dient, der diene aus der Kraft, die Gott verleiht.» (1 Petrus 4,11). Diese Hoffnung soll uns auszeichnen. Die Quelle der Kraft liegt in der Tiefe des Herzens. Sie heilt die tiefste Wunde der fehlenden Hoffnung in uns. Diese Hoffnung aber entfacht sich an der Hoffnung Gottes, die in den Menschen schlummert. Sie wartet so, wie die Wurzeln der Pflanzen und Bäume in der Tiefe der Erde auf die Wärme der Sonne warten.

Anna-Marie Fürst, Theologin, arbeitet in der Gefängnisseelsorge und in der Seelsorge für Menschen mit Behinderung in den Kantonen Basel-Stadt und Zug