Wie viele Umstände bestimmten unseren Weg bis hierher? Und plötzlich öffnen sich Wege in neue Richtungen. | © berggeist007/pixelio.de
16.05.2019 – Impuls

PHILIPPERBRIEF 4,4–7

Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Eure Güte werde ­allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! Und der Friede Gottes, der ­alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in Christus Jesus bewahren.     

Einheitsübersetzung 2016

 

Und wenn plötzlich die grosse Freiheit käme?

Eigentlich hatte sie schon seit ihrer Kindheit einen geistlichen Weg einschlagen wollen. Die Umstände waren dagegen. Als aber ein schwerer Schicksalsschlag ihr den Mann und beide Söhne nahm, trat sie in ein kontemplatives Kloster ein. Sie fand zurück zu dem Weg, den sie in ihrem Herzen immer schon als ihre wahre Berufung empfunden hatte. Margherita Lotti-Mancini, später als heilige Rita verehrt, lebte dann viele Jahre lang glücklich im Kloster ihrer Heimatstadt Cascia. Aber das ist 15. Jahrhundert.

Schauen Sie mal auf Ihre eigene Biografie. Wie gradlinig oder wie kurvenreich ist Ihr bisheriger Weg verlaufen? Sicher können Sie Kräfte benennen, die aus Ihnen die oder den gemacht haben, die oder der Sie nun sind. Und Ihr Weg ist noch nicht am Ende. Was schlummert noch in Ihnen?

Diese Fragen bewegen wohl jeden Menschen. Was wäre wohl aus mir geworden, wenn damals die Umstände andere gewesen wären? Oft schlummert in der Tiefe eines in die Jahre gekommenen Lebens ein alter Wunsch, eine Sehnsucht, ein Gefühl für Echtheit. Eigentlich wäre ich gern …, aber die Umstände liessen das nicht zu.

Dieses Empfinden einer Berufung und die Bedingungen durch herrschende Umstände sind die beiden zentralen Kräfte, die unserem Lebensweg die Richtung geben. Dabei kann es durchaus zu markanten Wendungen kommen, wenn die Bedingungen plötzlich wechseln, aber es kann auch manche Berufung unerkannt und unbenannt bleiben, weil die Träume verborgen und verschwiegen wurden.

Was soll man auch sagen, wenn eine junge Frau durch den Tod der Eltern vor der Aufgabe steht, ihren jüngeren Geschwistern eine Ersatzmutter zu sein? Eigentlich hatte sie sich vorgestellt, Juristin zu werden. Aber der Zug war ja nun abgefahren, und bald war sie zu alt, um noch aufzuspringen. Oder der Bauer, der eigentlich gern ein Sänger geworden wäre, dann aber den Hof übernehmen musste …

Verhinderte Berufungen schlafen im Untergrund so mancher Seele. Klar gibt es Menschen, die von Anfang an präzis spüren, was sie und wer sie sind. Und es gibt Menschen, die so stark sind, sich gegen alle Fremdbestimmung durchzusetzen. Aber für die meisten ist der Lebensweg mit viel Suchen und viel Sollen verbunden, und manche Berufung bleibt unerreichbar. Manche Träume sind ausgeträumt. Nicht immer ist das, was sich aus den Umständen ergeben hat, nur zweite Qualität. Am Ende gibt es doch ein ganzes Leben, oft jedenfalls.

Und dann gibt es die Berufungen, die aus klaren Gründen abgelehnt werden. Opfer solcher Missachtung sind wohl in der Mehrzahl (aber natürlich nicht ausschliesslich) Frauen, denen viele Türen lange verschlossen geblieben sind. Ich denke an die berufenen Priesterinnen, für die es derzeit keinen Weg gibt, im Rahmen der Kirche ihren Weg zu gehen. Klare Berufungen können unangenehm sein für herrschende Systeme wie für dominante Familienstrukturen. Sie können durch Bewusstheit und Entschiedenheit Widerstandskraft freisetzen, die viel Veränderung bewirken.

Und wenn sie plötzlich da wäre, die grosse Freiheit, die Möglichkeit? Paulus gibt uns im Philipperbrief einen Wegweiser an, der uns hindert, mit «dem Kopf durch die Wand» zu wollen. Er gibt all unserem Suchen eine wundervolle unendliche Leichtigkeit und Zuversicht. Lesen Sie bitte selbst!

Um noch einmal das Bild der hl. Rita zu bemühen: Ihr Weg hat es möglich gemacht, dass im tiefen Winter, während sie auf den Tod wartete, Rosen geblüht haben. Die Rita-Rosen gelten darum als Hoffnungszeichen für alle, die meinen, ihre Berufung habe keine Chance und müsse begraben werden. Es geschehen noch Zeichen und Wunder, und eine Rose blüht, wo man sie nicht vermutet.

Ludwig Hesse, Theologe, Autor und Teilzeitschreiner, war bis zu seiner Pensionierung Spitalseelsorger im Kanton Baselland