Ein Ort der Sehnsucht: Taizé. | © Dorothee Becker
12.08.2021 – Impuls

Matthäus 5,3–10

Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Einheitsübersetzung 2016

 

Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist, aber lebe es!

Da war einer, der lebte, was er vom Evangelium verstanden hatte. Der es lebte und es nach seinen Kräften in die Tat umsetzte. Was da ein einziger Mensch angestossen hat, was ausstrahlt bis heute, das ist einmalig. Sein Leben ist in seinen Tagebüchern nachzulesen, die programmatische Titel tragen: Die Gewalt der Friedfertigen, Kampf und Kontemplation, Einer Liebe Staunen, Aufbruch ins Ungeahnte. Und sein Tod – ich erinnere mich noch gut, damals, im August 2005, als ich erfuhr: Frère Roger ist getötet worden, im Abendgebet in der Versöhnungskirche in Taizé inmitten Tausender betender Jugendlicher. Er wurde hinausgetragen, jemand stimmte «Laudate omnes gentes» an.

Was für ein Leben, was für ein Tod.

Für Versöhnung leben und für Frieden, für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Es ist gut, dass es immer wieder Menschen gibt, die diese Ideale leben, ihnen folgen, sich einsetzen für das, was sie vom Evangelium verstanden haben. Die das, was ihnen wichtig ist, umsetzen und etwas daraus machen. Ohne Taizé, ohne diesen Ort, der für viele seit Jahrzehnten zum Sehnsuchtsort geworden ist, an dem sich Jahr für Jahr Tausende junger Christinnen treffen, miteinander über ihre Sehnsucht und ihren Glauben sprechen und wie der Glaube die Welt und das Leben verändern kann, wäre die christliche Welt ärmer. Sie tragen den Geist von Taizé in die Gemeinden und Pfarreien hinein und versuchen immer wieder, daraus zu leben. Hier finden sie Mut für ihr Leben im Erleben von Gemeinschaft und schöpfen Kraft in der einzigartigen Einfachheit der liturgischen Feiern und den Gesängen von Taizé, die wir in Basel und der Region beim Taizétreffen über den Jahreswechsel 2017/18 miterleben durften. Die Unterschiede zwischen den Konfessionen werden hier nicht aufgehoben, aber sie spielen keine Rolle mehr. Wie es bei der Abschiedsfeier von Papst Johannes Paul II. auch keine Rolle spielte, dass Frère Roger reformiert war und er aus der Hand von Joseph Ratzinger die Kommunion empfing. Und seit Neuestem treffen sich in Taizé junge Muslime und Christen und Christinnen, um den interreligiösen Dialog zu leben.

Frère Roger schreibt: «Bleiben wir nicht stehen, wenn unser persönliches Gebet armselig und unsere Worte unbeholfen erscheinen. Gehört es nicht zur tiefen Sehnsucht unserer Seele, Gemeinschaft mit Gott zu erfahren?

Drei Jahrhunderte nach Christus schrieb Augustinus, ein afrikanischer Glaubender: ‹Sehnsucht, die nach Gott ruft, ist bereits Gebet. Willst du unaufhörlich beten, höre nie auf, dich zu sehnen …›»

Einfachheit, Schlichtheit. Schweigen und Hören. Friedfertigkeit und Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Und immer wieder neu Vertrauen haben in Gott, in die Menschen, in uns selbst. Das ist eine der Botschaften von Taizé.

Dorothee Becker, Theologin und Seelsorgerin,
Gemeindeleiterin der Pfarrei St. Franziskus,
Riehen-Bettingen