Der 1980 ermordete Erzbischof Oscar ­Romero wurde vom Volk in El Salvador schon lange vor seiner Heiligsprechung 2018 verehrt (Darstellung im «Centro de Arte para La Paz» in der Kleinstadt Cinquera, die während des Bürgerkriegs der 1980er-Jahre nahezu ausgelöscht wurde). | © Elisabeth Bachem
21.03.2019 – Impuls

 

Markus 10,17–23

Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut ausser der eine Gott. Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter!

Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt. Da sah ihn
Jesus an, umarmte ihn und sagte: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib es den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!

Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein grosses Vermögen. Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen!

Einheitsübersetzung 2016

 

Umkehr ist möglich

Der Mann ging traurig weg. Das kann ich gut nachvollziehen. Alles zu verkaufen, was ich habe, das Geld den Armen geben und Jesus nachfolgen. Eine utopische Forderung, eine Überforderung. Heute wie damals. Auch in den Ohren dieses Mannes. Er folgte weiterhin seinem eigenen Weg, nicht dem Weg Jesu. Zumindest nicht in der Radikalität, die Jesus ihm vorgab.

Vermutlich war das auch lange der Weg des Oscar Romero. Er war ein konservativer Geistlicher, von dessen Ernennung zum Erzbischof diejenigen enttäuscht waren, die sich soziales Engagement erhofften. Doch nachdem er mit der Ermordung von P. Rutilio Grande SJ und zwei Begleitern im Auftrag der Grossgrundbesitzer konfrontiert worden war, änderte er sich grundlegend. Man kann sogar von einer Bekehrung sprechen. Er rief zunächst zum Kirchenstreik auf: «Wenn ihr uns Priester umbringt, lesen wir für euch keine Messen.» Und so wurden am Sonntag nach der Ermordung des Jesuiten im ganzen Bistum keine Messen gefeiert, nur die Totenmesse für den Ermordeten. Und er, der die Theologie der Befreiung, in der Glaube und Gerechtigkeit untrennbar miteinander verbunden sind, bis dahin für gefährlich gehalten hatte, machte zwei Befreiungstheologen zu seinen engsten Beratern. Die Option für die Armen stand nun im Mittelpunkt. Er begann, sich gegen die Grossgrundbesitzer und für Gerechtigkeit in El Salvador einzusetzen.

Dass dies gefährlich war, zeigte sich in der nächsten Zeit. Mehrfach wurde er bedroht. Doch mit grossem Vertrauen konnte er auf das sehen, was ihm bevorstand: «Wenn jedoch Gott das Opfer meines Lebens annimmt, dann soll mein Blut das Samenkorn der Freiheit sein und das Zeichen dafür, dass die Hoffnung bald Wirklichkeit sein wird.»

Am Tag vor seinem Tod rief er die Soldaten zum Ungehorsam auf. Das war sein Todesurteil.

An die Nachricht am 24. März 1980 im Radio, dass der Erzbischof von San Salvador während der Messe erschossen worden war, kann ich mich noch erinnern. Am nächsten Tag gingen Tausende von Menschen auf die Strasse und es entzündete sich ein Bürgerkrieg. Zeugen verschwanden, der Mord wurde nie gesühnt.

Doch die Erinnerung an Oscar Romero, den San Romero de America, ist weiterhin lebendig. Das Volk hatte ihn schon längst vor seiner offiziellen Heiligsprechung als Heiligen verehrt. Er zeigt uns: Umkehr ist möglich.

Dorothee Becker, Theologin und Seelsorgerin, Pfarrei Heiliggeist