Auch beim lautlosen, inneren Singen wird die Atmung vertieft, der Kehlkopf macht mit. | © Wiesia Klemens
08.04.2021 – Aktuell

Trotz Singverbot können wir innerlich singen

Ein Basler Stimmarzt erklärt, was beim «inneren Singen» vor sich geht

Für Personen über 20 ist das gemeinsame Singen ausserhalb des Familienkreises seit Ende Oktober verboten, eine Ausnahme gilt nur für Profis. Der Basler Stimmarzt Prof. Joseph Sopko weist auf eine Möglichkeit hin, in den Gottesdiensten trotz des Singverbotes innerlich still zu singen und zu beten: das «innere Singen».

«Wer singt, betet doppelt. Qui bene cantat, bis orat.» 
(Hl. Augustinus, 354–430)

Beim Singen ist der ganze Mensch beteiligt, mit Leib und Seele. Aus der Physiologie ist dieser Vorgang wohl bekannt: Die Atmung wird vertieft und intensiviert; es wird dadurch der ganze Körper besser mit Sauerstoff versorgt. Die gesundheitsfördernde Wirkung des Gesangs ist unbestritten: gesungen und gesund gehören zusammen. Beim Gesang tritt aus dem Mund nicht nur der hörbare Klang heraus, sondern auch Aerosole – Teilchen, welche kleiner als vier Mikrometer sind. Diese Aerosole sieht man bei kalter Witterung als Hauch, oder auch als Brillenbeschlag.

Und gerade diese Aerosole können durch SARS-CoV-2-Viren besiedelt werden. Die Flugweite dieser Teilchen ist zwar nicht besonders gross, aber sie verbreiten sich wie eine Nebelglocke auf eine Distanz von einem halben bis anderthalb Metern. Gerade darin besteht die Ansteckungsgefahr und deshalb wurde vom BAG ein Singverbot erlassen. Dieses scheint zwar einmalig, aber es ist nicht einmalig in der Geschichte. Huldrych Zwingli hat vor fast 500 Jahren (1525) ein Singverbot in der Kirche durchgesetzt und sogar die Orgel aus dem Grossmünster in Zürich entfernen lassen. Er fürchtete, dass Musik das biblische Wort übertöne.

Unter den jetzigen Umständen fürchten wir uns vor dem Virus. Die Kirchenlieder werden zurzeit vorgelesen und die dazugehörige Melodie vom Organisten gespielt.

Wie reagiert darauf unser Körper? Auf das Gehörte reagiert unser Körper nach dem gewohnten physiologischen Muster und ganzheitlich. Die Atmung wird vertieft, die bewundernswerte neue Erkenntnis ist, dass beim Zuhören selbst der Kehlkopf die gleichen Bewegungen macht, wie bei echtem Gesang. Lediglich die direkten gegenseitigen Berührungen der Stimmlippen bleiben aus.

Diesen Vorgang nennen wir das «innere Singen». Es ist mit Flüstern zu vergleichen. Mittels moderner endoskopischer Optiken können wir dieses Phänomen beobachten. Dabei wird ein bekanntes Lied vorgespielt und der Untersuchte wird aufgefordert, sich die Melodie innerlich vorzustellen. Bei professionellen Musikern findet das innere Singen nicht nur beim Zuhören, sondern auch beim Notenlesen statt.

Die Erkenntnisse über das innere Singen werden auch in der klinischen Praxis genutzt. Ein Sänger darf bei Kehlkopfentzündung eine Zeitlang nicht singen, aber kann dennoch seine Rolle auch im Stillen studieren.

Die aufgeführten Bemerkungen aus der Physiologie des Singens lehren uns, dass wir auch in der heutigen Zeit des Singverbots innerlich, still singen und beten können, denn: «Auch mit gedämpften, schwachen Stimmen wird Gottes Majestät verehrt …» (Johann Sebastian Bach, 1685–1750, Kantate 36, BWV 36).

Joseph Sopko, Prof. Dr. med. und Dr. h.c., Facharzt FMH für Ohren- Nasen- und Halskrank­heiten, ist in Basel als Phoniater (Stimmarzt) tätig.