Er träumte von einer besseren Welt und bezahlte dafür mit seinem Leben: Martin Luther King am 28. August 1963, dem Tag, als er seine berühmte Rede «I have a dream» hielt. Links neben Martin Luther King steht Matthew Ahmann, Gründer der National Catholic Conference for Interracial Justice. | © National Archives and Records Administration NARA
11.06.2020 – Impuls

Matthäus 5,6–12

Selig, die hungern und dürsten nach der ­Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt ­werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen. ­Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. Selig, die ­verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und ­verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird gross sein im Himmel. So wurden nämlich schon vor euch die Propheten verfolgt.              

Einheitsübersetzung 2016

 

Träume von einer besseren Welt

Von einer besseren Welt träumen. Von Gerechtigkeit und Frieden. Vom Ende aller Not, Krankheit und aller Fluchtursachen. Von Sanftmütigkeit und Barmherzigkeit. Von einer Wende in der Klimakrise. Von einem Ende aller Diskriminierungen, sei es aufgrund der Herkunft, der sexuellen Orientierung, der Religion.

Davon träumen die Menschen schon immer. Die Seligpreisungen fassen diese Träume in 2000 Jahre alte Worte. Selig sind … und sie verschweigen auch nicht, was denen geschehen kann, die versuchen, diese Träume umzusetzen. Auch heute. Auch bei uns, jedoch andernorts noch viel mehr.

Menschen, die solche Träume haben und versuchen, sie zu verwirklichen, stossen oft an Grenzen, werden verunglimpft, verfolgt, müssen ihren Traum manchmal mit dem Leben bezahlen. Hier bei uns wird man vielleicht «nur» in den digitalen Medien beschimpft und als «Gutmensch» bezeichnet, wenn man sich einsetzt für ein lebenswertes und würdiges Leben für alle in diesem Land.

Andernorts kann man schwer bestraft werden, wenn man es wagt, die Verhältnisse zu kritisieren – wie beispielsweise der saudische Aktivist Raif Badawi, der zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilt wurde, weil er Muslime, Christen, Juden und Atheisten als gleichwertig bezeichnet hat.

Auch Thomas Morus war einerseits ein Träumer. Ein Utopist. Er verfasste die Schrift «Utopia» – «Nirgendwo». Und entwarf darin eine Gegenwelt zu der Welt des 15./16. Jahrhunderts – die aber ebenso wenig zu verwirklichen war wie die Seligpreisungen. Und auch nicht wirklich erstrebenswert. Zugleich kann man seinen Einsatz gegen die Reformation heute getrost kritisch betrachten; als «Verteidiger des Glaubens» verfolgte er unnachgiebig die Kritiker der Kirche, auch wenn er manche Auswüchse in der Kirche ebenfalls als reformbedürftig betrachtete.

Andererseits war er mutig genug, sich Heinrich VIII. entgegenzusetzen, der einen Weg einschlug, den er nicht mitgehen konnte, und sich als König von England zum religiösen Oberhaupt der neuen Anglikanischen Kirche erklären liess. Für Thomas Morus war klar: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apg 5,29). Und bezahlte seinen Gehorsam gegen Gott, der zugleich Ungehorsam gegen den König war, mit seinem Leben.

Seine letzten Worte an das Volk lauteten: «Ich nehme euch zu Zeugen, dass ich im Glauben und für den Glauben der heiligen katholischen Kirche und als treuer Diener des Königs, aber in erster Linie als treuer Diener Gottes sterbe. Betet für den König, dass Gott ihn führe und erleuchte.»

Thomas Morus hatte Träume. Von einer anderen Welt, von einer Kirche, die er auch kritisch sah, die er aber nicht unabhängig von Rom sehen wollte. Selig die Träumenden, denn sie können den Anstoss für Veränderung geben.

Dorothee Becker, Theologin und Seelsorgerin, Pfarrei Heiliggeist