Vielleicht öffnet ihm sein Traum dereinst Türen, um neue Erfahrungen zu machen? | © I. Friedrich/pixelio.de
22.11.2018 – Impuls

DANIEL 7,2a.13b–14

Ich, Daniel, hatte während der Nacht eine Vision: Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt. Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter.

Einheitsübersetzung

 

Träume sind Schäume! Oder doch mehr?

Im letzten Jahr hatte ich seit Langem mal wieder einen Traum, der mich – viel zu früh am Morgen – wach werden liess. Das passiert mir in der Regel sehr selten. Ich träumte, dass ich in einem Restaurant sass und gemütlich einen Kaffee trank. Plötzlich entdeckte ich, dass sich mir unter dem Tisch eine grosse Schlange näherte und mich angreifen wollte. Ich entging ihrem Angriff und fiel mit dem Stuhl rückwärts zu Boden, was mich dann wach werden liess.

Meine Frau wurde ebenfalls wach, und ich erzählte ihr ziemlich verwirrt von meinem Traum. Leider erging es mir nicht so wie Daniel, dass ich diesen Traum sogleich irgendwie deuten konnte. Vielmehr erinnerte ich mich an den Ausspruch meiner Grosstante, wenn ich ihr als Kind von meinen Albträumen erzählte: Träume sind Schäume! Und ich vergass den Traum wieder.

Ein paar Monate später war ich in eine Situation hineingeraten, bei der mich ein Kollege auf eine ziemlich hinterhältige Art und Weise in einen Konflikt mit hineinzog. Anfänglich hatte ich seine Intrige nicht durchschaut, doch genau zu diesem Zeitpunkt erinnerte ich mich vage daran, dass ich Monate davor bei ihm zu Besuch war und in der Nacht darauf wegen eines Traums aufwachte. Nach und nach kamen die Traumfetzen im Gespräch mit meiner Frau wieder zum Vorschein und ich begann mich mit der Bedeutung dieses Traums auseinanderzusetzen. So bekam für mich der Traum mit der Schlange eine besondere Bedeutung, und ich war besonders auf der Hut, wenn ich mit diesem Kollegen zusammen war. Dies war gut, denn nur dadurch konnte ich verhindern, dass ich persönlich in die intriganten Machenschaften hineingezogen wurde.
Träume sind dann doch nicht einfach nur Schäume, sondern wollen uns manchmal auf etwas vorbereiten, wovon wir im Innersten möglicherweise schon eine Vorahnung haben. Im Guten oder im Schlechten, sei mal dahingestellt.

Im Zusammenhang mit diesem Traumthema muss ich unweigerlich an Martin Luther King denken und an seine legendären Worte «I had a dream!». Ich frage mich, warum er nicht wie Daniel das Wort Vision benutzt hat. Vielleicht war es ihm zu stark? Denn bei einer Vision steht, noch viel stärker als beim Traum, die Erwartung im Vordergrund, dass sich die darin geschilderten Ereignisse tatsächlich ereignen sollen.

Träumen und Visionen wohnt eine eigene Kraft inne. Ähnlich wie bei meinem Traum können sie im richtigen Moment unser Leben beeinflussen oder gar verändern. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir Träume und Visionen haben, auch im übertragenen Sinn. Sie beleben unser Leben und sind, gerade in schwierigen und turbulenten Zeiten, eine Bereicherung des Alltags.

Als Kind und als Jugendlicher war ich jemand, der viel vor sich her träumte. Ich träumte davon, Bauer zu werden, habe dann aber, wie sich später herausstellte, zunächst den Traumberuf meines Vaters erlernt. Handörgeli wollte ich lernen, es war dann, auf gutes Zureden meiner Eltern, Klavier, da schon eines im Haus stand. Als Jugendlicher war ich stundenlang mit meiner Fotokamera unterwegs und träumte davon, wie mein Vorbild in New York Fotograf zu werden. Einmal wollte ich als Selbstversorger mein Leben meistern, jetzt sind es immerhin 20 Quadratmeter Garten, die meine Frau und ich «bewirtschaften».

Es geht in meinen Augen nicht primär darum, dass sich Träume und Visionen immer bewahrheiten und verwirklichen müssen. Gar oft gibt es Enttäuschungen, da die Realität dann doch anders aussieht. Trotzdem finde ich wichtig, dass wir Träume und Visionen haben. Denn diese bringen unser Leben nach vorne und sind eine Art «kreatives Büro», in welchem wir die Möglichkeit haben, unserem Leben unerwartete Richtungswechsel zu geben und neue Erfahrungen zu entlocken.

Mathias Jäggi, Theologe und Sozialarbeiter, arbeitet als Berufsschullehrer und Fachhoch­schuldozent