«Manchmal muss man den Spass hinter sich lassen, um zur Freude zu gelangen.» | © Ulrich Grasberger/pixelio.de
18.01.2021 – Impuls

Matthäus 16,24f

Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.

Einheitsübersetzung 2016

 

Stolperstein Selbstverleugnung

Tatsächlich finde ich dieses Wort in der neuen Einheitsübersetzung der Bibel wieder: «Selbstverleugnung». Ich hatte angenommen, es sei endgültig auf dem Scheiterhaufen der religiösen Wörter gelandet, mit denen unendlich viel Leid angerichtet worden ist. Selbstverleugnung ist Selbstverrat und wird nie zu echter Jüngerschaft, zu echter Nachfolge führen!

Sehr erinnert diese Verleugnung an den Verrat des Petrus, der seine Beziehung zu Jesus während des Prozesses abstritt. Er hat bitter bereut, nicht zu seinem Freund, damit aber auch nicht zu sich selbst gestanden zu sein. So wird die Selbstverleugnung zu einem Verrat an sich selbst und führt zum Selbstverlust, zur Selbstzerstörung. Wie soll ein reifer, glaubwürdiger Mensch entstehen, der sich selbst verleugnet?

Gerade am Tag des hl. Meinrad, des Mönchs, der zum Ursprung des Klosters Einsiedeln wurde, wird dieses Wort im Evangelium gelesen. Da erinnert man sich unweigerlich an frühere Erziehungsmethoden in manchen Klöstern: Es musste «das Selbst» eines Novizen, mehr noch einer Novizin gebrochen werden, damit eine selbstlose Person entstand, die einem gewissen Glaubensideal entsprach. Längst hat sich das geändert, und statt Selbstverleugnung wird Selbstfindung geübt, was zweifellos förderlicher ist für die Entwicklung authentischer Menschen.

Auch ausserhalb des Glaubenslebens gibt es Selbstverleugnung. Ich kenne viele Schweizer (hier für einmal mehr Männer), die ihre ausländische Herkunft verleugnen. Andere verleugnen ihr Frau- oder Mann-Sein, weil sie eine geschäftstaugliche Person sein möchten. Wieder andere verleugnen ihre Schichtzugehörigkeit, ihre sexuelle Orientierung, ihre Wünsche. Viel wird ins gut gehütete Geheimnis verdrängt, um sich irgendwelchen fremden Idealvorstellungen anzupassen. Sehr viel Leben wurde und wird durch Selbstverleugnung zerstört!

Das Wort taucht im Matthäusevangelium in einer Jesusrede über Nachfolge auf. Was könnte Jesus gemeint haben? Im gleichen Satz steht der Rat Jesu: «… der nehme sein Kreuz auf sich», der nehme also sich selbst an, statt sich zu verleugnen, mit allen Fehlern und Leiden, mit allen Brüchen und Ecken. Das entspricht der heilenden Praxis Jesu, der leidende Menschen zur liebenden Annahme ihres Lebens führt, auch wenn das oft weh tut.

Wer wie ich die Selbstverleugnung als Methode abschaffen will, muss sich fragen, was wirklich gemeint sein könnte. Nur wer sein Ego kennt, kann seine Ansprüche auch relativieren. Kurzfristige Wünsche und Begierden stehen den vielleicht mühsamen Selbstwerdungswegen entgegen. Es geht keineswegs um die Abschaffung von Disziplin und Egoüberwindung. Es gibt viele Menschen, denen tiefere Ziele wichtiger sind als oberflächliche Leichtigkeit. Manchmal muss man den Spass hinter sich lassen, um zur Freude zu gelangen.

Lesen Sie doch bitte den Ausschnitt aus dem Evangelium nochmals und ersetzen Sie das «schlimme» Wort durch ein besseres, zum Beispiel «… der achte sich selbst und folge mir…». Das Jesuswort wird dadurch nicht weniger provokativ, der Anspruch Jesu nicht geringer. Kleiner aber wird die Angst in der Brust des Jüngers, der Jüngerin. Nur wer sich kennt, kann sich hintansetzen, kann sich einsetzen für andere und für grosse Ziele. Die Angst, durch selbst- oder fremdverordnete Anpassung Schaden zu nehmen und zu einer ausgehöhlten Fassade zu werden, diese Angst wird abnehmen. Das ist die befreiende Einladung Jesu.

Ludwig Hesse, Theologe, Autor und Teilzeitschreiner, war bis zu seiner Pensionierung Spitalseelsorger im Kanton Baselland