In Zeiten von Corona ein normaler Anblick: leere Plätze im Terminal des Flughafens Zürich-Kloten (Aufnahme vom 1.11.2018). | © PESP/wikimedia
25.06.2020 – Aktuell

Stille Momente im Flughafen Zürich

Die Coronakrise hat den Flugverkehr fast zum Erliegen gebracht

Seit März geht es auf dem Flughafen Zürich sehr viel ruhiger zu als sonst. Das Seelsorgeteam kümmert sich um Menschen, die hier die Stellung halten – oder gestrandet sind.

«Flughafenkirche» steht auf der Glastüre im Check-in 2, Level 2. Besucher können hier in den interreligiösen Gebetsräumen zusammenkommen. Nicht jetzt. Noch ist die erlaubte Besucherzahl beschränkt. Aber die Räume sind offen und werden vereinzelt auch besucht. Im Foyer steht ein Ständer mit Desinfektionsmittel zum Empfang. Normalität gibt es hier noch lange nicht. Aber offene Türen und Ohren umso mehr.

Einmalige Situation

Andrea Thali steht am Eingang der Passage zur Besucherterrasse und freut sich über einen Gast, den sie hier in der Flughafenkirche empfangen kann. Die katholische Seelsorgerin ist seit 20 Jahren Seelsorgerin am Flughafen. Im Oktober 2001 hat sie hier das Grounding der Swissair erlebt. Eine Situation wie diese ist auch für sie neu. «In einem solchen Ausnahmezustand dieser Art haben wir den Flughafen noch nie gesehen», sagt sie. Mit dem reformierten Flughafenpfarrer Stephan Pfenninger Schait und der reformierten Sozialdiakonin Jacqueline Lory bildet sie das ökumenische Flughafenseelsorgeteam.

Das Flughafenteam sitzt im Büro bei einer Kaffeepause. Der Alltag verläuft derzeit anders als sonst. In den vergangenen Wochen waren es vor allem Gespräche mit den wenigen Mitarbeitenden, die im Flughafen noch arbeiten konnten. «Die Rundgänge durch die fast leeren Terminals waren und sind besonders wertvoll. Man begegnet und sieht sich», sagt Andrea Thali. Ein paar wenige Kontakte mit gestrandeten Reisenden, einige Besuchende, die auch in dieser Zeit den Weg in die Gebetsräume fanden.

Lockdown brachte Stille

Auch für das Flughafen-Seelsorgeteam war der Lockdown einschneidend. Jede/r von ihnen weiss noch genau, wo er/sie sich an diesem Tag befand. Stephan Pfenninger Schait erinnert sich: «Es war ein schrittweises Abschiednehmen von der Normalität.» Der Flughafenbetrieb, der ansonsten wie eine gut geölte Maschine läuft, wurde stark heruntergefahren. Auch im Airside-Bereich: gähnende Leere.

Jacqueline Lory erinnert sich: «Als ich in der sich leerenden Empfangshalle stand, kam ich mir vor wie im falschen Film.» Es sei zu vielen emotionalen Begegnungen gekommen. «Als die letzte Crew der Thai Air sich am Ticketschalter verabschiedete, habe ich zurückgewinkt. Wir hatten alle Tränen in den Augen», erinnert sich die reformierte Sozialdiakonin.

Alle im Team berichten von dieser eigentümlichen, nie dagewesenen Stille. Sie ist am Flughafen noch immer hör- und spürbar. Die gewohnte Geräuschkulisse fehlt auch draussen auf dem Rollfeld, wo normalerweise im Minutentakt Flugzeuge starten und landen. Der ganze Grundsound eines Flughafens im Vollbetrieb – wie weggeblasen.

Die wohltuende Stille in der Flughafenkapelle ist allen vertraut. Für das Seelsorgeteam war jedoch diese durch den Stillstand erzeugte, äussere Stille eine neue Herausforderung. Andrea Thali sagt: «Umso mehr fühlte ich mich aufgerufen, in dieser bedrückenden
äusseren Stille jene innere nährende Stille am Leben zu halten.»

Ort für gute Gespräche

In der Flughafenkapelle brennen wieder mehr Kerzen. Ruhiger als sonst war es auch hier. Der grosszügig gestaltete Raum mit seiner hinterleuchteten Holzwand blieb während des Lockdowns wie auch der Flughafen immer offen und konnte für ruhige Gespräche im Social Distancing gut genutzt werden. Dieses Zu-sich-Kommen und die kraftvolle Stille hier hat auch dem ganzen Team Energie gespendet.

Seit dem Lockdown finden hier keine Veranstaltungen mehr statt. Dennoch, berichtet Jacqueline Lory, kamen Menschen aus Kloten und Umgebung hierher, weil sie für sich ein Stück Normalität aufrechterhalten wollten.

In den Wochen des Lockdowns sind diejenigen, die hier die Stellung gehalten haben, näher zusammengerückt. «Es entstand ein noch engerer Zusammenhalt», sagt Stephan Pfenninger Schait, der sich jetzt mit seinen Kolleginnen im Restaurant «Air» zum Essen trifft. Sie werden freudig begrüsst. Jacqueline Lory sagt: «Ich glaube, dass vieles von dieser Tiefe, die wir in den Gesprächen während des Lockdowns erlebt haben, überdauern wird.» Die Flughafenfamilie, sie ist in diesen Tagen noch näher zusammengerückt.

Nicht nur in Zürich, sondern rund um den Erdball steht der internationale Reiseverkehr fast still. Besonders wertvoll sind jetzt auch die Kontakte zu den Seelsorgekollegen/innen anderer Flughäfen. Wie gehen sie mit der Situation um?

Stephan Pfenninger Schait erzählt: «Ich habe während des Lockdowns mit dem Kollegen in Milano begonnen, regelmässig Video-Chats zu machen. Es ist ein schöner und intensiver Kontakt entstanden.»

Die Fliegerei sorgt für gemeinsamen Gesprächsstoff. Dieser noch nie dagewesene Lockdown wird ihnen in Erinnerung bleiben und vielleicht etwas Verbindendes stärken – über die Grenzen hinaus.

Vera Rüttimann; kath.ch

 

www.flughafenkirche.ch