Das Städtchen St-Ursanne am Doubs – im Zentrum die Stiftskirche – vergegenwärtigt im Jahr 2020 eingehend den hl. Ursicinus. | © David Coutrot
23.01.2020 – Aktuell

Ein Heiliger des Juras lebt an seinem Wirkungsort wieder auf

Das Jubiläum 1400 Jahre St-Ursanne bietet religiöse, volkstümliche und künstlerische Höhepunkte

Im 1400. Jahr seit Ursicinusˊ Tod ruft St-Ursanne seinen Heiligen mit gegen 40 Veranstaltungen und teils bleibenden Initiativen in Erinnerung. Die Kirche und spirituelle Themen sind darin stark präsent. Eröffnet wurde das Jubiläumsjahr am 15. Dezember 2019 mit einer Messe von Kardinal Kurt Koch, abgeschlossen wird es am 20. Dezember 2020 von Bischof Felix Gmür.

Im jurassischen Städtchen St-Ursanne steht das Jahr 2020 im Zeichen eines grossen Jubiläums: Vor 1400 Jahren, am 20. Dezember 620, soll hier der Eremit Ursicinus – französisch Ursanne – gestorben sein, der in einer Höhle über dem Tal des Doubs lebte. Über seinem Grab soll um das Jahr 630 der hl. Wandregisel – saint Wandrille – eine Mönchsgemeinschaft gegründet haben. Daraus entstanden das Kloster (später Stift) und die Siedlung (später Stadt) St-Ursanne.

Die frühmittelalterlichen Quellen sagen wenig zur Person von Ursicinus. Die Verehrung des heiligen Einsiedlers ist für das letzte Drittel des 7. Jahrhunderts belegt. Laut der Überlieferung stammte Ursicinus aus Irland und verliess um 591 das Kloster Bangor in Nordirland, um im Frankenreich zu missionieren.  Er gehört in das Umfeld des irischen Missionars Kolumban (543–615), der das wichtige Kloster Luxeuil gründete.  Wie Kolumban, Gallus, Germanus, der erste Abt von Moutier, und Ragnachar, einer der ersten Bischöfe von Basel, ist Ursicinus einer der Mönche aus Luxeuil, die in der Merowingerzeit das Christentum im Gebiet von Jura und Alpen verbreiteten und festigten.

Die Bevölkerung macht mit

Dieser Heilige lebt in den Herzen der Ursiniens, wie sich die Bewohner von St-Ursanne nennen: Anders wäre nicht erklärbar, was das 700 Einwohner zählende historische Städtchen für das Jubiläum seines Patrons auf die Beine stellt. Mehr als 40 Termine enthält das Programm des Komitees um die Projektleiterin Louison Bühlmann, Neuenburgerin und Konservatorin des Regionalmuseums im Val-de-Travers. Die Vielfalt der Anlässe von Dezember 2019 bis Dezember 2020 ist sagenhaft.

Bemerkenswert sind die Beiträge aus der Bevölkerung im Clos du Doubs: 150 Frauen haben an einem Textilkunstwerk für die Stiftskirche gestickt und genäht, die Schülerschaft führt ein Strassentheater auf, ein Verein von Erzählerinnen und Erzählern trägt Legenden vor, Chöre und Musikgruppen treten auf – alles zu Ehren von Ursicinus.

Fachleute liefern das Wissen für Ausstellungen, Führungen und Lehrpfade, die das bauliche und künstlerische Erbe von St-Ursanne zeigen. Dazu kommen Konzerte, Bilder- und Skulpturenausstellungen. Reisen und Pilgerwanderungen lassen den Weg erleben, den Ursicinus um das Jahr 600 von Irland über Luxeuil in den Jura zurückgelegt hat. Ein St.-Patricks-Fest wird irische Stimmung an den Doubs bringen.

Religion ist überall präsent

Viele Anlässe bringen die spirituelle Dimension des Gedenkens an den Heiligen ins Spiel. Theologische Vorträge gehören dazu, ein Kurs in Ikonenmalerei oder eine Wanderung für Jugendliche zu anderen Heiligen des Juras. Ausgefallen ist die Idee, eine Nacht in der «Einsamkeit» zu verbringen, wie einst der Einsiedler Ursicinus in seiner Bärenhöhle.

Die Stiftskirche von St-Ursanne wird den Rahmen für Gottesdienste in besonderer Atmosphäre bieten: Mit den Frères von Taizé, mit dem Abt des auf den gleichen Gründer zurückgehenden Klosters St-Wandrille in der Normandie, mit den Chorherren von St-Maurice und ihrem gregorianischen Gesang. Sogar eine Messe in Patois soll es gebe, in der alten, heute vom Französischen verdrängten Mundart der Region.

Wirkung über das Jubiläumsjahr hinaus

Das Jubiläum soll nach 2020 weiterwirken. Ein sogenannter «Circuit secret» wird dauerhaft zum Entdecken spannender Orte in der Stadt einladen. Neu präsentiert werden der Sarkophag des hl. Ursicinus unter dem Hauptaltar in der Stiftskirche oder die Reliquienbüste des Heiligen aus dem Kirchenschatz. Ab 2021 soll die Ausstellung im Lapidarium in der ehemaligen Pfarrkirche St-Pierre völlig neu gestaltet zu sehen sein. Und ein historisches Kolloquium des Archivs des ehemaligen Fürstbistums Basel wird das gesicherte Wissen über Ursicinus zusammentragen. St-Ursanne bietet ein Jubiläum, das Lust macht, den Anfängen des Christentums in unserem Land nachzuspüren.

Christian von Arx

 

Zur Homepage des Jubiläums: www.ursanne1400.ch

 

Darstellung des hl. Ursicinus in seiner Höhle (Ermitage oberhalb von St-Ursanne) | © David Coutrot
Darstellung des hl. Ursicinus in seiner Höhle (Ermitage oberhalb von St-Ursanne) | © David Coutrot
Die Reliquien von Ursicinus befinden sich im Sarkophag unter dem Hauptaltar der Stiftskirche.  | © David Coutrot
Die Reliquien von Ursicinus befinden sich im Sarkophag unter dem Hauptaltar der Stiftskirche. | © David Coutrot
Blick in die romanische Stiftskirche mit barocker Ausstattung.  | © David Coutrot
Blick in die romanische Stiftskirche mit barocker Ausstattung. | © David Coutrot
St-Ursanne im Winterfrost: Stiftskirche des 12. bis 14. Jahrhunderts in der mittelalterlichen Stadtanlage.  | © David Coutrot
St-Ursanne im Winterfrost: Stiftskirche des 12. bis 14. Jahrhunderts in der mittelalterlichen Stadtanlage. | © David Coutrot