Johannes der Täufer (rechts) verweist auf den Gekreuzigten: «Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden» (Isenheimer Altar von Matthias Grünewald, Musée d‘Unterlinden, Colmar). | © wikimedia
20.06.2019 – Impuls

LUKAS 1,67–78

Sein Vater Zacharias wurde vom Heiligen Geist erfüllt und begann prophetisch zu ­reden: … Durch die barmherzige Liebe un­seres Gottes / wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe.

Einheitsübersetzung 2016

 

Selbstbewusst und selbstlos

Einer der schönsten Momente im klösterlichen Tagesablauf stellt sich ein, wenn ab Mitte Mai während des Morgengebets um halb sieben die aufgehende Sonne ihre Strahlen durchs Chorfenster exakt an meinen Platz im Chorgestühl wirft. Vorausgesetzt natürlich, der Himmel ist nicht bewölkt oder bedeckt. Dieser Morgengruss dauert den Monat Juni über bis gegen Ende Juli, wenn der Zeitpunkt des Sonnenaufgangs und der Stand der Sonne sich verschieben.

Es sind Tage voller Licht und Sonne. Da hinein fällt am 24. Juni der Geburtstag von Johannes dem Täufer. Der Evangelist Lukas berichtet von den merkwürdigen Umständen, die seine Geburt begleiteten, wie sich die Zunge seines zeitweise verstummten Vaters Zacharias löste. «Und er begann prophetisch zu reden.» Das Lied, das er über seinen neugeborgenen Sohn anstimmt – nach dem ersten Wort der lateinischen Bibelübersetzung «Benedictus» genannt – hat die Kirche in ihr tägliches Morgengebet aufgenommen, ein Hymnus auf den Gott Israels und seine Treue: «Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels; denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung geschaffen.» Angesichts seines Kindes sieht Zacharias das messianische Heil über Israel aufsteigen, das auch für alle Völker bestimmt ist, gleich der Sonne, die jeden Morgen die Finsternis der Nacht vertreibt: «Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe.»

Jetzt scheint mir die Sonne ins Gesicht und erinnert an den bleibenden Auftrag des Johannes: «Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis geben für das Licht» (Johannes 1,8). Die Sommersonnwende markiert die Geburt des Vorläufers, dem ein halbes Jahr später, zur Zeit der Wintersonnwende, die Sonne der Gerechtigkeit folgen wird: Jesus Christus, gekommen, jeden Menschen zu erleuchten.

Als Johannes gefragt wurde: «Wer bist du? Was sagst du über dich selbst?» gab er zur Antwort: «Ich bin es nicht!» (Johannes 1,19ff). Das war seine Identität, authentisch und transparent, rundum er selbst, wissend, wer er nicht ist. Das war seine Sendung: Stimme eines Rufers, Vorläufer, Wegbereiter, Zeigefinger auf den Grösseren, den Kommenden hin. Schnörkellos gibt er zu Protokoll: «Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden» (Johannes 3,30), das Wort, das Grünewald in die Darstellung des Gekreuzigten am Isenheimer Altar aufgenommen hat.

Johannes, der ewig Zweite, steht etwas verloren in der üppig blühenden Landschaft der selbstverliebten Egomanen und Shootingstars, der Selbstdarsteller und Influencer, die sich in den sozialen Netzwerken und auf den Internetplattformen tummeln. Nur eines haben sie im Sinn: Aufmerksamkeit! Reichweite! Einschaltquoten! Algorithmen! Klicks und Likes und Followers, Ranks und Charts. Johannes hingegen, knorrig und karg, bleibt vorläufig, seiner selbst voll bewusst, wissend, dass er nicht wert ist, dem, der nach ihm kommt, auch nur die Schuhriemen zu öffnen. Selbstbewusst und ganz selbstlos verweist er uns an Jesus, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt, gekommen «um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, und unsere Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens». Das sind die letzten Worte des «Benedictus», Anfang eines neuen Tages, während die Morgensonne mir über die Wangen streichelt.

Peter von Sury, Abt des Benediktinerklosters Mariastein