Der Blick ins neue Lektionar (Seite des Ersten Adventssonntags) zeigt bei der ­Lesung des Paulusbriefs die neue Anrede «Schwestern und Brüder!» und die Einleitung «an die Gemeinde in Thessalónich». | © Christian von Arx
22.11.2018 – Aktuell

Schwestern und Brüder: Ab jetzt werden alle angesprochen

Mit dem ersten Advent hält die neue Einheitsübersetzung der Bibel Einzug in den Gottesdienst

Vom ersten Adventssonntag dieses Jahres an klingt in den katholischen Kirchen manches biblische Wort anders und neu: Im ganzen deutschen Sprachgebiet wird jetzt aus dem neuen Lektionar gelesen. Mit ihm ist erstmals der Text der revidierten Einheitsübersetzung von 2016 in den Gottesdiensten zu hören.

 

«Schwestern und Brüder!» So werden jetzt als Einleitung zu den Paulusbriefen alle Anwesenden begrüsst. Viele Pfarreien haben das schon seit Jahren von sich aus so gemacht. Aber in den alten Lektionaren hiess es nur «Brüder!». Das haben die Bischöfe der deutschsprachigen Gebiete nun ganz offiziell geändert.

Überall dort, wo die Anrede im Bibeltext vorkommt, heisst es nun «Brüder und Schwestern». Für die nur im Lektionar nötige Einleitung zu den Briefausschnitten haben die Herausgeber die Reihenfolge umgekehrt: «Schwestern und Brüder». Neu heisst es auch nicht mehr «Lesung aus dem ersten Brief des Apostels an die Thessalonicher», sondern «Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Thessalónich» (ebenso bei Rom, Korinth und den anderen Gemeinden). Denn die Briefe waren nicht an alle Thessalonicher gerichtet, sondern an die Christinnen und Christen der Stadt.

Auch die Revision der Lutherbibel von 2017 und die Neuübersetzung der Zürcher Bibel von 2007 verwenden als Anrede in den Paulusbriefen die Formel «liebe Brüder und Schwestern». Ist die ausdrückliche Nennung der «Schwestern» nur eine Mode oder gar eine Verfälschung des biblischen Urtextes? Im Gegenteil, findet der Theologe Thomas Markus Meier (Obergösgen), Präsident des Diözesanverbandes Basel des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks. Zwar stehe im Text nur das griechische Wort «adelphoi» («Brüder»). Doch die Briefe richteten sich an christliche Gemeinden, denen Frauen und Männer angehörten. In der abschliessenden Grussliste des Römerbriefes (Kapitel 16) erwähnt Paulus eine Reihe von Frauen mit Namen.

Eine dieser Frauen ist die Apostelin Junia. Seit dem 13. Jahrhundert und noch in der bisherigen Einheitsübersetzung von 1979 wurde ihr Name als Männername Junias wiedergegeben. Die neue Einheitsübersetzung von 2016 korrigiert das und nennt, wie auch die neusten Ausgaben der Zürcher und der Lu­therbibel, den Frauennamen Junia, wie es in den alten Handschriften steht.

Bei der Erwähnung der Frauen ist die neue Einheitsübersetzung allerdings noch lange nicht konsequent. Nach wie vor sind an vielen Stellen nur «Brüder» oder «Jünger» genannt, obwohl Frauen ebenso unter den Angesprochenen waren.

 

Jahwe wird nicht mehr genannt

«Ich finde die Revision der Einheitsübersetzung geglückt, weil sie viel Falsches ausgemerzt hat und genauer, nämlich näher an den hebräischen und griechischen Urtexten übersetzt», urteilt der Bibelkenner Thomas Markus Meier. Richtig findet er zum Beispiel, dass der in der hebräischen Bibel mit den vier Buchstaben JHWH geschriebene Name Gottes nicht mehr mit «Jahwe» wiedergegeben wird, denn die Juden sprechen den Gottesnamen nicht aus.

Allerdings bedauert Meier, dass sich die Revision stattdessen für die Lösung «Herr» entschieden hat. Die jüdische Tradition etwa verwende das Wort «der Ewige». Thomas Markus Meier verweist auf einen Vers aus dem Buch des Propheten Hosea (11,9): «Ich bin Gott, nicht ein Mann». Zu Unrecht habe die Revision die bisherige Übersetzung «Ich bin Gott, nicht ein Mensch» nicht korrigiert. Denn das zugrundeliegende hebräische Wort «isch» bedeute Mann. «Das ist eine verpasste Chance», meint Meier und fügt bei: «Da merkt man, dass Männer übersetzt haben.»

 

Judas ist kein Verräter mehr

Positiv hebt Meier hervor, dass Judas nicht mehr als Verräter bezeichnet wird. Im neuen Text hat Judas Jesus «ausgeliefert», nicht «verraten». «Verraten ist eine zugespitzte Übersetzung, die sich vom Text entfernt», findet der Bibelspezialist.

Daneben gibt es im neuen deutschen Bibeltext unzählige kleine, sachliche Änderungen zu entdecken. Hiess es bisher im Römerbrief (14,2) «der Schwache aber isst kein Fleisch», liest man jetzt «der Schwache aber isst nur Gemüse.» Bisher war König David blond, neu ist er rötlich (1 Sam 16,12).

«Es wird nie eine Übersetzung geben, die alles leisten könnte», gibt Thomas Markus Meier zu bedenken: «Es kann nie genug neue Übersetzungen geben.» Die Antwort auf die Frage, welche von allen deutschen Bibelübersetzungen ihm die liebste sei, lautet denn auch: «Da muss ich mehrere aufzählen: Die letzte Revision der Lutherbibel, die Bibel in gerechter Sprache, die Übersetzung des Alten Testaments von Buber-Rosenzweig oder diejenige von Naftali Herz Tur-Sinai …» In seinen Gottesdiensten als Pastoralraumleiter in Frauenfeld werde er aus der neuen Einheitsübersetzung lesen, dabei aber «der Ewige» statt «der Herr» sprechen.

Christian von Arx

 

Beispiele von Änderungen im deutschen Bibeltext sind kommentiert im Bändchen «Was ist neu an der neuen Einheitsübersetzung» (Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2017).