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10.10.2019 – Aktuell

«Auch die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz ist erhöht gefährdet»

Nach dem Angriff in Halle: Dachverbände der Schweizer Juden rufen dazu auf, zerstörerischen Ideologien entgegenzutreten

In der rund 20 Kilometer nordwestlich von Leipzig gelegenen Stadt Halle (Saale), im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt, kam es am 9. Oktober, am jüdischen Festtag Jom Kippur, zu einem Attentat. Bei der Synagoge und bei einer Imbissbude wurden zwei Personen getötet. Direktes Ziel war die Synagoge in Halle. Der Täter versuchte sich offenbar bewaffnet Zutritt zur voll besetzten Synagoge zu verschaffen, scheiterte jedoch an den baulichen Sicherheitsvorkehrungen.

Die Schweizer Juden, vertreten von den beiden Dachverbänden, dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund SIG und der Plattform der Liberalen Juden der Schweiz PLJS, erklären sich in einer Mitteilung auf der Website des SIG zutiefst erschüttert. Sie drücken den Opfern, den Betroffenen und ihren Angehörigen ihr Mitgefühl und ihre Anteilnahme aus. «Es ist nicht auszudenken, was noch geschehen wäre, wenn die Angreifer in die Synagoge gelangt wären», schreiben die beiden Dachverbände. «Es ist kaltblütig, abscheulich und mit Worten kaum zu fassen, dass jemand Menschen an einem hohen Feiertag in ihrer Synagoge zum Ziel nimmt.» Ein solcher Angriff treffe die gesamte jüdische Gemeinschaft weltweit, aber auch die gesamte Gesellschaft, die auf Demokratie, Freiheit und Frieden aufbaue.

Sicherheitsdispositive verstärkt

In der Mitteilung weisen SIG und PLJS darauf hin, die letzten Jahre hätten immer wieder gezeigt, dass sich die Sicherheitslage für Juden in Deutschland und in ganz Europa verschlechtert habe. Laut den Sicherheitsbehörden sei die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz ebenfalls erhöht gefährdet. Entsprechend hätten die jüdischen Gemeinden und Institutionen ihre Sicherheitsdispositive in den letzten Jahren verstärken müssen. «Auch heute und in Zukunft rufen die beiden Dachverbände SIG und PLJS dazu auf, sich engagiert für Achtung und Respekt gegenüber allen Mitmenschen einzusetzen und zerstörerischen Ideologien entschieden entgegenzutreten, damit solchen schrecklichen Taten der Nährboden entzogen werden kann», schliesst die Mitteilung der Dachverbände der Schweizer Juden.

Gemeinschaft feierte in der Synagoge

Laut Medienberichten hatten zum Tatzeitpunkt in der Synagoge von Halle 51 Personen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur gefeiert. Neben den beiden Todesopfern gab es zwei Schwerverletzte, die mit Schussverletzungen in ein Spital eingeliefert wurden und nicht in akuter Lebensgefahr sein sollen. Ein Tatverdächtiger wurde festgenommen. Aus einem Bekennervideo im Internet wird auf eine antisemitische Motivation der Tat geschlossen.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, ist überzeugt, dass sich der Angriff direkt gegen die Synagoge gerichtet hat. «Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschiessen», sagte Privorozki der «Stuttgarter Zeitung» und den «Stuttgarter Nachrichten». «Aber unsere Türen haben gehalten.» Der oder die Täter hätten ausserdem versucht, das Tor des danebenliegenden jüdischen Friedhofs aufzuschiessen, sagte der Vorsitzende weiter.

Katholische und evangelische Bischöfe haben sich nach den Ereignissen von Halle bestürzt geäussert und ihre Solidarität mit den Juden in Deutschland bekundet. Papst Franziskus gedachte am Tag der Tat der Opfer des Attentats, wie das vatikanische Presseamt mitteilte.

kh/kath.ch