Die Federzeichnung in der deutschen Otmarsvita (1451/ 1460) zeigt, wie gepanzerte Krieger Otmar ver­haften (St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 602, S. 221). | © © Stiftsbibliothek St.Gallen
18.04.2019 – Aktuell

Sankt Otmar als Schlüsselfigur für das Kloster St. Gallen

Der erste Abt von St. Gallen und das 8. Jahrhundert sind Thema einer Ausstellung in der Stiftsbibliothek

Zum 1300-Jahr-Jubiläum der Gründung des Klosters St. Gallen widmet sich eine Ausstellung in der Stiftsbibliothek dem ersten Abt und «Vater für die Armen». Was Otmar bewirkt hat, und was das 8. Jahrhundert für eine Zeit war, darüber berichtet Stiftsbibliothekar Cornel Dora.

 

Im Jahr 2019 jährt es sich zum 1300. Mal, dass Otmar im Jahr 719 als erster Abt die von Gallus gegründete Gemeinschaft zu einem Kloster ausgebaut hat. «Otmar etablierte die Abtei St. Gallen als religiöses Zentrum mit einer ständig wachsenden Ausstrahlung. Mit seinem Wirken schuf er die institutionelle Grundlage für das goldene Zeitalters des Klosters vom 9. bis zum 11. Jahrhundert», erzählt Stiftsbibliothekar Cornel Dora. Er habe es geschafft, die christliche Lebensform religiös, politisch und ökonomisch zu etablieren und im Bewusstsein der Menschen zu verankern.

 

Aufschwung durch Benediktsregel

Mit der Einführung der Benediktsregel um 747 legte Otmar einen wichtigen Grundstein für den religiösen Aufschwung der Gemeinschaft. Die Benediktsregel sei, sagt Cornel Dora, das wichtigste Fundament der westlichen Klosterkultur und auch massgeblich für spätere Ordensregeln. Otmar habe sie erst unter dem Einfluss der Karolinger übernommen, was vor allem politischen Motiven geschuldet gewesen sei. Im Machtkonflikt zwischen Franken und Alemannen geriet der Abt, der selbst alemannischer Herkunft war, zwischen die Fronten.

Cornel Dora lädt dazu ein, sich in dieser Ausstellung mit der Benediktsregel und der dahinterstehenden Geisteshaltung, der Askese, vertieft auseinanderzusetzen. Zur asketischen Praxis eines Mönches gehörte auch das philosophische Konzept des «Sorge um sich selbst». Gemeint sei damit die jesuanische Tradition vom Dienst am Nächsten, führt Dora aus. «Otmar betrieb Askese nicht als Selbstzweck. Sie war eingebunden in die Fürsorge für die anderen.»

 

Otmar, der soziale Heilige

So avancierte das Kloster St. Gallen unter ­Otmar nicht nur zum Ort gelebten Mönchtums und der Bildung, sondern auch zum Ort der Sozialfürsorge, der Kranken- und der Armenpflege. «Otmar gilt als der sozia-
le Heilige St. Gallens, als Vater für die Armen», sagt Cornel Dora. Der Wissenschaftler weist darauf hin, dass Otmar Armen und Kranken nicht nur Wohnungen baute, sondern auch eine der ersten in Europa bezeugten Krankenstationen für Aussätzige schuf. Der Abt profitierte dabei auch von vielen Landschenkungen. Mit Hilfe dieser wirtschaftlichen Mittel konnte er sein soziales Werk errichten.

 

Das Mittelalter, neu gesehen

Wer durch die Ausstellung geht, erkennt: Das 8. Jahrhundert war eine Schlüsselperiode für die Entwicklung Europas. «Die Welt wurde vom Christentum verzaubert», sagt der Stiftsbibliothekar in Anlehnung an den Bestseller «Die Verzauberung der Welt» des deutschen evangelischen Theologen Jörg Lauster.

Wie kam es dazu? Auf den Infotafeln ist zu erfahren: Die Völkerwanderungen verlangsamten sich, der Kontinent stabilisierte sich politisch und kulturell. Aus dieser Melange entwickelte sich ein neues Weltbild, das sich von den christlichen Idealen inspirieren liess. Immer mehr Klöster entstanden und prägten das gesellschaftliche Leben.

Vom Mittelalter gebe es eine falsche Vorstellung, meint Dora. Das Bild einer dunklen, gegen Vernunft und Fortschritt gerichteten Periode halte sich hartnäckig in den Köpfen. Bis heute. «Mit dem Mittelalter begann sich das Christentum jedoch neu aufzustellen», erklärt der Wissenschaftler. Es begann eine Zeit, in der eine platonische und idealistische Grundhaltung, welche die Bibel, die Nächstenliebe und das Hinarbeiten auf das Reich Gottes in den Mittelpunkt stellte, angestrebt wurde.

 

Das Labyrinth als Symbol

Der Mensch im Mittelalter habe sich oft mit dem Ziel seines Lebens auseinandergesetzt. Dabei habe ihm, so Cornel Dora, das antike Bild des Labyrinths geholfen, das den Menschen symbolisch nicht ins Verderben, sondern in die Erlösung führen wollte. Unter einer Glasvitrine liegt eine kostbare Labyrinth-Zeichnung. Die Farben sind aussergewöhnlich gut erhalten. Die Stiftsbibliothek hat zwei weitere davon.

Es geht bei dieser Ausstellung also nicht nur um das Leben Otmars, sondern auch um die Lebens- und Gedankenwelt seiner Zeit und die sie prägenden Köpfe. Otmar, der fast immer mit einem Weinfässchen in der Hand abgebildet ist, wurden später viele Wunder zugeschrieben. Nicht nur in seiner Vita, auch im Otmarslied ist der Ordensmann verewigt.

 

Spuren Otmars auf der Insel Werd

Der erste Abt des Klosters St. Gallen, Otmar, starb schliesslich am 16. November 759 auf der Insel Werd im Bodensee, nachdem er aus politischen Gründen abgesetzt und als Sträfling der Franken hierher verbannt worden war. Der Abt fand auf der idyllischen Insel seine vermeintlich letzte Ruhe. Zehn Jahre später wurde die Leiche von den Mönchen ins Kloster St. Gallen zurückgebracht und ein zweites Mal beerdigt. Auf der ehemaligen Grabstätte St. Otmars entstand im 10. Jahrhundert eine Kapelle. Sie wurde zur Wallfahrtsstätte.

Vera Rüttimann, kath.ch

www.stiftsbezirk.ch