Das Leben des syrischen Jungen Salim ist hart. Trotzdem ist er voller Energie und versprüht eine unglaubliche Lebensfreude. | © Hasan Belal
25.03.2021 – Hintergrund

Salim hat seine Träume nicht verloren

Zehn Jahre Krieg in Syrien: Caritas berichtet über ihr Engagement

Salim ist so alt wie der Krieg in seinem Heimatland Syrien. Und wie viele Kinder ist er schwer gezeichnet davon. Bei einem Minenunfall hat er beide Beine verloren. Er ist auf einen Rollstuhl angewiesen, und seine Familie muss täglich ums das Überleben kämpfen. Trotzdem ist Salim voller Energie und hofft auf die Zukunft – für sich und sein Land.

Jarba liegt in einer Region in der Nähe von Damaskus, die früher als Kornkammer und Obstgarten der syrischen Hauptstadt galt. Doch davon ist heute kaum mehr etwas zu sehen. Die Region Ost-Ghouta stand im Krieg monatelang unter Dauerbeschuss, als die syrische Armee versuchte, die Widerstandskämpfer zu vertreiben. Spitäler und Schulen wurden bombardiert. Es gab Tausende von zivilen Opfern. Heute liegt Jarba in Ruinen – wie so viele Orte in Syrien.

Ein folgenschwerer Minenunfall

Salim und seine Familie versuchen hier, ihr Leben auf den Trümmern wiederaufzubauen. Minen stellen eine grosse Gefahr dar, vor allem auch für Kinder. Vor gut zwei Jahren riss eine solche Mine Salim beide Beine ab und tötete seine zwei Brüder. «Ich höre jetzt noch, wie die Kinder mich verzweifelt herbeigerufen haben», erinnert sich Salims Mutter. «Ich werde den Tag nie vergessen.» Als hätte sie nicht schon genug Leid erlitten, verschwand zu jener Zeit auch ihr Mann, von dem sie nie wieder etwas hörte. All dies geschah, als die Familie nach den Kämpfen wieder nach Jarba zurückkehrte, nachdem sie sieben Jahre lang an verschiedenen Orten rund um Damaskus gelebt hatte.

Von einem Tag auf den andern allein mit Salim und der älteren Tochter unternahm Leila alles, um ihren Sohn behandeln zu lassen. «Er ist noch zu jung für Prothesen. Im Moment hat er lieber seinen Rollstuhl. Er hat eine unglaubliche Energie und verbreitet überall Freude», lächelt Leila trotz allem.

Schulzimmer ohne Türen und Fenster

Salim hat viele Freunde, die ihn beschützen. Frühmorgens verlässt er mit seiner Mutter und seiner Schwester das Haus. Sofort eilen seine Freunde herbei und schieben seinen Rollstuhl durch die Strassen bis zur Schule. «Sie haben sogar das Klassenzimmer ins Erdgeschoss verlegt für mich», freut sich der Junge. «Aber es gibt trotzdem ein paar Stufen bis zu meinem Pult. Jetzt im Winter friere ich sehr», fügt er in gutem Englisch, seinem Lieblingsfach, hinzu. Kein Wunder – in einer Schule ohne Türen und Fenster, mit von Schüssen durchlöcherten Mauern. Unter diesen Bedingungen zu lernen ist nicht einfach. Es mangelt auch an Lehrern und die Klassen sind riesig. Salim zeichnet gerne Bäume und die Natur – er ist sehr geschickt und bastelt oft Objekte aus Holz oder Metall. «Ich möchte Ingenieur werden. Das ist zwar schwierig, aber ich spüre, dass ich die Kraft dazu habe. Ich möchte meine Träume verwirklichen, auch wenn ich im Rollstuhl sitze», sagt Salim.

Wie Caritas die Schulbildung stärkt

In Syrien gehen mehr als zwei Millionen Kinder nicht in die Schule und 1,3 Millionen müssen sie möglicherweise ohne Abschluss verlassen. Viele mussten die Schule wegen des Krieges abbrechen oder eine Zeit lang unterbrechen. Gemäss den Vereinten Nationen sind sechs Millionen junge Menschen für die Schulbildung in ihrem Land auf Unterstützung angewiesen. Allein in Ost-Ghouta sind es eine Million Kinder. Zudem fehlt es in Syrien heute an rund 140 000 Lehrpersonen.

Um zu verhindern, dass Kinder wie Salim wegen des Krieges zu einer verlorenen Generation gehören, will Caritas Schweiz jungen Menschen Hoffnung und Zukunftsaussichten schaffen. In Jarba hat Caritas zwei Schulen wieder aufgebaut. Bald können hier 800 Kinder den Unterricht unter guten Bedingungen besuchen. Caritas steht den Lehrpersonen in der Schule mit pädagogischer Unterstützung bei und stellt Schulmaterial zur Verfügung. Die Kinder sollen sich sicher fühlen und lernen können. Zweimal in der Woche sind Caritas-Teams in der Schule und organisieren Aktivitäten mit den Kindern.

Dieses Projekt ist Teil des Engagements, das Caritas Schweiz seit bald zehn Jahren für die Opfer der Syrienkrise leistet. Die Präsenz vor Ort und die Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen wie der Caritas in Syrien, Libanon und Jordanien ermöglichten über all die Jahre eine umfassende, schnelle und auf die dringendsten Bedürfnisse ausgerichtete humanitäre Hilfe. Zudem konnte Caritas Schweiz ein engmaschiges Netzwerk aufbauen, über das sie die Betroffenen direkt erreicht.

Der Zugang zu Bildung ist nicht nur in Syrien, sondern auch im Libanon ein wichtiger Aspekt. Zusammen mit den Behörden entwickelt Caritas Schweiz hier ein Modell zur Lehrerfortbildung, um Lehrpersonen landesweit für den Unterricht von syrischen Flüchtlingen vorzubereiten. Diese systemische Hilfeleistung sichert jungen syrischen Flüchtlingskindern wie auch einheimischen Kindern aus benachteiligten Familien den Zu­gang zum öffentlichen Schulwesen. Wie für den Jungen Salim in Jarba gilt auch für diese Kinder: Sind die Zukunftsperspektiven auch noch so ungewiss, eine gute Schulbildung stärkt und gibt Hoffnung.

Fabrice Boulé, Caritas Schweiz, in Zusammenarbeit mit der syrischen Journalistin Zeina Shahla