Brauchen Sie Ferien und fühlen sich reif für die Insel? Und wenn ja, für welche? Inseln wie diese im schwedischen Vänernsee sind ideal für Ruhesuchende, doch die richtige Ruhe finden wir in Gott. | © Regula Vogt-Kohler
01.07.2021 – Impuls

Sprichwörter 2,1–5

Mein Sohn, wenn du meine Worte annimmst und meine Gebote beherzigst,
der Weisheit Gehör schenkst, dein Herz der Einsicht zuneigst,
wenn du nach Erkenntnis rufst, mit lauter Stimme um Einsicht bittest,
wenn du sie suchst wie Silber, nach ihr forschst wie nach Schätzen,
dann wirst du die Furcht des Herrn begreifen und Gotteserkenntnis finden.

Einheitsübersetzung 2016

 

Reif für die Insel?

«Ich fühle mich reif für die Insel» – mit dieser bekannten Phrase wollen wir zum Ausdruck bringen, dass wir dringend Ferien, Pause oder Erholung brauchen. Aber sind wir, wenn wir «ferienreif» sind, auch wirklich «reif» für die Ferien? Beides hört sich so ähnlich an – und doch … Es ist spannend, dass dieses kleine Wörtchen «reif» in der deutschen Sprache einen doppelten Sinn hat.

«Ich bin ferienreif» – damit will man sagen, dass man dringend Pause braucht, dass man ein bisschen genug hat von allem und dringend einfach weg und raus möchte.

«Ich bin reif» dagegen meint, eine gewisse Vollendung erreicht zu haben, wie zum Beispiel bei einer Frucht, die voll entwickelt und zum Essen bereit ist.

Ja, ich bin «ferienreif», aber – bin ich auch «reif» für die Ferien? Oder, mit anderen Worten: Habe ich die Kunst des Ferienmachens überhaupt gelernt? Denn Ferien sollen ja keine Flucht aus dem Alltag sein oder dazu führen, dass wir das «Leben» nur noch auf diese Tage und Wochen des Jahres reduzieren. Es gibt Leute, die nur noch für ihre Ferien arbeiten und darauf warten, auszureissen, um abzuschalten und sich von der Arbeit zu distanzieren.

Und dann gibt es die anderen, die sich gegen Ferien wehren, die das unnötig finden, die lieber zur Arbeit gehen, weil es ihnen dort am wohlsten ist oder weil sie aus ihrem Hamsterrad gar nicht mehr rauskommen. Und bestimmt gibt es noch viele andere Gründe, warum die einen Ferien machen und andere nicht.

Eine gesunde Balance zu finden, klar für sich zu wissen, was man wirklich braucht und wie man seine Zeit gestalten will, ist manchmal gar nicht so einfach. Einer, der in allen Bereichen des Lebens stets um das rechte Mass bemüht war, war der hl. Benedikt. Er strebte für seine Mönche einen ausgewogenen Lebensstil an, der weder unter- noch überforderte.

Gelingt es uns, mit den Ferien sehr bewusst ein Gegengewicht zum Alltag zu setzen, ohne diesen dadurch entwerten zu wollen, haben wir wohl etwas von der «Kunst des Ferienmachens» verstanden. Wer zum Beispiel in seinem Alltag viel mit Menschen zu tun hat, der ist in den Ferien vielleicht auch gerne mal ein bisschen alleine. Wer viel alleine ist, dem tut in den Ferien bestimmt die menschliche Nähe ganz gut. Wer sehr verplant nach Terminkalender lebt, braucht in den Ferien viel Freies und Spontanes. Wer eher geordnet lebt, sucht vielleicht den Nervenkitzel, und wer im Alltag genug Aufregung hat, ist wohl für Ruhe und Entspannung dankbar. So können Alltag und Ferienzeit sich ergänzen und gemeinsam zu einem gelungenen Leben beitragen.

In der Benediktsregel war das Kriterium für ein gelungenes Mönchsein (und bestimmt auch Menschsein) die «Suche nach Gott». Hier kommt eine bedeutende Dimension dazu: So schön die Ruhe auf einer paradiesischen Insel in der Karibik oder bei der Wanderung in den Bergen auch sein mag, die richtige Ruhe finden wir letztlich nur in Gott. Und er gibt sie uns auch, wenn wir ihn darum bitten und nach ihm suchen … auch (oder gerade!) in den Ferien.

Nadia Miriam Keller, Theologin, arbeitet als Spitalseelsorgerin i.A. am St. Claraspital in Basel