Abt Peter von Sury mit Mariano Tschuor, Projektleiter «Mariastein 2025», im Garten des Kreuzgangs im Kloster. | © Kloster Mariastein
07.01.2019 – Aktuell

Abt Peter von Sury: «Mariano provoziert uns»

Anfang Jahr begann ein neues Kapitel im Benediktinerkloster Mariastein: Der ehemalige SRG-Kadermann Mariano Tschuor übernahm die Projektleitung «Mariastein 2025». kath.ch sprach mit Abt Peter von Sury (68) und Mariano Tschuor (60) über Neujahr – und die Zukunft des Wallfahrtsortes.

Was halten Sie von Sternzeichen?

Mariano Tschuor: Abt Peter und ich sind Zwilling. Aber ich glaube nicht an Sternzeichen.

Abt Peter von Sury: Sternzeichen sind reizvolle, jahrtausendalte Erfahrungszeichen. Ich habe am selben Tag Geburtstag wie Donald Trump, nur vier Jahre später. Da möchte ich die Sternzeichen-Metapher gebührend relativieren.

Was bedeutet Neujahr für Sie?

Abt Peter: Mit dem weltlichen neuen Jahr gehe ich relativ nüchtern um. Ich nehme meine Agenda und sehe, was so ansteht.

Tschuor: Ich brauche Rituale. An Silvester schaue ich mir die Agenda des alten Jahres an: Wo waren die guten Begegnungen? Die schlechten lasse ich weg. Und an Neujahr mache ich einen Spaziergang und überlege mir: Was kommt auf mich zu?

Wenn Sie auf das Jahr 2018 zurückblicken – woran denken Sie, Abt Peter?

Abt Peter: Ein Mitbruder hat uns verlassen, das war für uns ein einschneidender Weggang.

Sie meinen Pater Kilian. Er trat der reformierten Kirche bei und hat eine Frau geheiratet.

Abt Peter: Ich bin froh, dass wir uns einigen konnten und im Dezember eine Vereinbarung unterschrieben haben. Nicht an ein Kalenderjahr gebunden ist das Thema sexuelle Übergriffe, Klerus und Machtmissbrauch. Wir brauchen einen Wandel in der Kirche. Ich sehe die Kirche auf eine Zeit zusteuern, die mich an Israel in der Exilzeit erinnert – mit einem zerstörten Tempel.

Wie war 2018 für Sie, Mariano Tschuor?

Tschuor: Für mich beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Am 1. Januar 2019 ging ich in Frührente. Das muss vorbereitet werden. Die ersten Monate von 2018 waren von der No-Billag-Abstimmung geprägt. 2018 gab es aber auch einzelne Programm-Projekte, die ich abschliessen konnte, wie etwa den rätoromanischen Spielfilm «Amur senza fin» oder die Tagung zu Kommunikation und Jugend.

Das wichtigste war aber der Prozess der Findung: Wie werden wir alle in Mariastein zusammenarbeiten – Abt Peter, der Konvent, die Betriebsleiterin des Klosters, Theres Brunner, die Gemeinde, die Nachbarn und ich.

Warum hat sich das Kloster für einen TV-Mann entschieden?

Abt Peter: Mariano kennt das Kloster schon lange. Er hat uns 2016 einen Brief geschickt und seine Hilfe angeboten. Ich habe den Brief dem Consilium vorgelegt und gesagt: Wir müssen zupacken, einen solchen Fisch bekommen wir kein zweites Mal. Ich schätze an Mariano die Art und Weise, wie er auf die Leute zugeht. Das hilft, um unterschiedliche Menschen an einen Tisch zu bringen und kontroverse Fragen zu einem Entscheid zu führen.

Haben Sie keine Angst, dass er Ihr Klosterleben durcheinanderbringt?

Abt Peter: Mariano bringt nichts durcheinander. Er bringt neue Ingredienzen mit und er provoziert uns im beschaulichen Klosterleben. Über die Hälfte meiner Mitbrüder ist über 80. Wir haben die Tendenz, in der Gemächlichkeit stecken zu bleiben. Da ist es nur gut, wenn Leute von aussen kommen und uns wohlgesonnen unterstützen.

Mariano Tschuor, Sie haben eine Vorliebe für Adelsgeschlechter. Ein Pluspunkt für Peter von Sury?

Tschuor: Ich sehe Parallelen zwischen Abt Peter und meinem früheren Chef bei der SRG, Roger de Weck: Beide stammen aus Patrizierfamilien, beide haben eine gewisse Gelassenheit, Dinge anzuschauen. Das hängt wohl auch mit dem Blick für Geschichte zusammen.

Ein Abt und ein langjähriger Kadermann, zwei Chefs an einem Ort. Wie ist das für Sie?

Abt Peter: Bei mir ist der Chef im Himmel, ich bin höchstens Souschef. In erster Linie bin ich Bruder. Bei uns Benediktinern fallen die Entscheidungen in Einmütigkeit.

Tschuor: Ich habe mich nie auf Organisationen eingelassen, sondern auf Menschen. Hier im Kloster trifft man auf viele Persönlichkeiten, gebildet, willensstark und unterscheidungsfähig. Einmütigkeit erfordert viel Arbeit. Ich sehe mich als Sparringpartner von Abt Peter. Die Entscheidungen fällt der Konvent.

Wie sieht die Zusammenarbeit in Mariastein aus?

Tschuor: Ich habe eine GmbH gegründet und bin in einem Mandatsverhältnis mit dem Kloster. Mein Hauptwohnort bleibt Laax in Graubünden. Ganz neu habe ich eine Wohnung und ein Büro hier in Mariastein, direkt am Kloster.

Wenn ich in Mariastein bin, richte ich mich nach dem Rhythmus der Mönche: Die Gebetszeiten geben eine Struktur vor. Die spirituellen Momente im Kloster sind für mich sehr wertvoll.

Wie wollen Sie Mariastein in die Zukunft führen?

Tschuor: Es gibt schon Vorarbeiten und Arbeitsgruppen. Jetzt geht es darum, Arbeitsstrukturen aufzubauen, Beziehungen zu knüpfen, Gespräche zu führen, intern und extern. Die Hauptfrage lautet: Warum machen wir das, warum soll ein Wallfahrtsort eine Zukunft haben in einer weithin säkularisierten Welt? Ist Mönchtum in unseren Breitengraden ein Auslaufmodell oder eine Chance? Vielleicht gerade auch für Laien?

Sehen Sie sich als Nachlassverwalter?

Tschuor: Die Mönche von Mariastein sind im Laufe der Geschichte mehrmals vertrieben worden. Sie haben Exilerfahrungen. Die Zeiten sind nicht besser oder schlechter als früher, sie sind einfach anders. Es geht nun darum, aus dem Bestehenden etwas Anderes zu machen. Im Hymnus zum Heiligen Geist singen wir in Mariastein: «Belebe, was erstorben ist, komm atme in uns, treibe uns.» Das ist mein Motto für das neue Jahr.

Abt Peter: Für mich ist der Seesturm in der Apostelgeschichte eine Offenbarung: Das Schiff geht unter, aber alle werden gerettet. Ich habe die Hoffnung, dass dieses Wort wahr ist: alle werden gerettet. Früher waren die Klöster ein wichtiger Resonanzraum für Gottes Wort. Jetzt können wir einen neuen Resonanzraum schaffen.

Interview: Raphael Rauch, kath.ch