Bernd Nilles, Direktor des Fastenopfers, ist vom 21. bis 25. Oktober externer Berater an der Amazonassynode in Rom. | © Barbara Ludwig, kath.ch
08.10.2019 – Aktuell

Amazonas-Synode darf keine katholische Nabelschau werden

Fastenopfer-Direktor Bernd Nilles erklärt die Bedeutung der Probleme im Amazonasgebiet für die Schweiz

Der Amazonas ist gar nicht so weit weg von der Schweiz, wie es die geographische Distanz glauben machen könnte, sagt Fastenopferdirektor Bernd Nilles. Die Probleme dort «sind auch unsere – denken wir nur an das Weltklima». Nilles ist vom 21. bis 25. Oktober externer Berater an der Synode in Rom.

Der Fastenopferdirektor warnt davor, dass einzelne Kräfte in der Kirche aus Angst vor Veränderung die Anliegen und Erfahrungen der Menschen im Amazonas nicht ernst nehmen. Nilles ist überzeugt, dass die Kirche mit ihrer Synode zum Amazonas, die in diesem Monat in Rom stattfindet, einen wichtigen Anstoss für die Zukunft des Kontinents liefern kann. Denn sie dürfe den Kontinent nicht einfach den internationalen Konzernen und korrupten Politikern überlassen. Auch die Schweizer Bischöfe könnten ihren Teil dazu beitragen, dass das Amazonasgebiet geschützt wird.

Das Fastenopfer verfüge dort «über starke Partner», erklärt Bernd Nilles. Die Verbindung der Schweiz mit dem südamerikanischen Kontinent und seinem bedrohten Urwaldgebiet reiche aber weiter, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Ein Gletscher als Warnung

Ende September stieg Nilles zu den Resten des Pizolgletschers hinauf, die auf dem Gebiet von Mels SG liegen. Rückblickend sagt er: «Die Schweiz hat einen wunderschönen Ort verloren.»  Sie sei aber Teil des globalen Phänomens, das den Klimawandel herbeiführt und das Amazonasgebiet bedroht. Darum sagt der  Fastenopferdirektor: «Wenn wir den Amazonas schützen, trägt dies auch dazu bei, das gesamte Weltklima zu stabilisieren.»

Ähnlich wie bei den Schweizer Gletschern ergeht es der Insel Grönland. Auch sie büsst ihre Naturschönheiten ein. Die Meere steigen weltweit und drohen Städte unter Wasser zu setzen. Die Schweiz könne das als kleines Land natürlich nicht alleine verhindern, meint Nilles.

Ampel geht wegen «Tipping Points» auf Rot

Seiner Ansicht nach ist es höchste Zeit, dass beim Klimaschutz die Ampel auf Rot gestellt wird. Es gehe nicht an, dass sich internationale Konzerne quasi in Selbstverpflichtung und auf freiwilliger Basis beim Klimaschutz und Abbau von Rohstoffen selber kontrollieren. Viele Experten seien sich einig, dass die Bedrohung durch den Klimawandel so gross sei, dass der Zeitpunkt von «Tipping Points» – Kipppunkten – nahe. Das heisst, die Klimaveränderungen könnten sich auf einmal abrupt beschleunigen.

Landauf, landab gehen zurzeit Hunderttausende von Jugendlichen auf die Strasse, um gegen die Lethargie der Politik angesichts des Klimawandels und der Umweltzerstörung zu protestieren. Sie fordern Klimagerechtigkeit – ganz wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika «Laudato si’», bemerkt Nilles.

«Binnenfragen» der Kirche

Nilles zeigt sich besorgt, dass an der Synode der «Auftrag an uns Christen, der sich aus der kirchlichen Soziallehre ergibt, zu wenig Aufmerksamkeit erfährt». Er sieht aber auch neue Ansätze, um «Laudato si’» mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Er befürchtet jedoch, dass an der Amazonassynode soziale und ökologische Fragen nicht den Stellenwert erhalten werden, den sie haben sollten, weil sich die Kirche in «Binnenfragen» verlieren könnte.

Der Fastenopferdirektor weist auf Strömungen innerhalb der Kirche hin, die in der Synode eine Gefahr sehen. Nilles spielt auf die Vielfalt der katholischen Kirche im Amazonasgebiet an, wo sich verschiedene Formen des Pfarreilebens in abgelegenen Ortschaften herausgebildet haben und möglicherweise in Rom zur Diskussion gestellt werden sollen.

Konservative kirchliche Kreise warnen davor, etwa durch die Lockerung des Zölibats «den mystischen Leib der Kirche zu beschädigen». Diese Befürchtung wurde unter anderem von den Kardinälen Walter Brandmüller, Raymond Leo Burke und Marc Ouellet geäussert.

Eine Kirche mit Basis

Nilles betonte gegenüber kath.ch, dass den Frauen in den katholischen  Gemeinschaften Amazoniens oft eine wichtige Rolle im pastoralen Leben zukomme. Es mangle zudem an Priestern. Die Synode könne einen Beitrag  leisten, die Basisnähe der Kirche zu stärken. «Wir brauchen ein Signal des Aufbruchs, dass Wandel in Politik, Wirtschaft und nicht zuletzt auch in der Kirche möglich ist», sagt Nilles. Das Arbeitsdokument der Synode mache dafür konkrete Vorschläge, einschliesslich einer Solidarität mit den lokalen Gemeinschaften und einer klaren Haltung gegen Ausbeutung und Umweltzerstörung.

Interview: Georges Scherrer, kath.ch