Thomas Leist leitet seit 2013 die Kampagne «Chance Kirchenberufe». | © Dominik Thali
25.02.2021 – Aktuell

«Pfarreien machen keine organisierte Nachwuchsförderung»

Thomas Leist berichtet von seinen Erfahrungen bei der Kampagne «Chance Kirchenberufe»

Der Kirche mangelt es an Personal. Thomas Leist, der die Kampagne «Chance Kirchenberufe» leitet, macht viele Gründe dafür aus. Einer davon: Es gebe keine organisierte Nachwuchsförderung der Pfarreien.

 

Corona macht viele Leute arbeitslos. Steigt deshalb das Interesse an einem Kirchenberuf?
Thomas Leist: Nein. Anfänglich sagten aber Leute, sie hätten während des Lockdowns Zeit gefunden, sich zu fragen, ob ihre jetzige Tätigkeit für sie noch stimme. Ich hatte im Jahr 2020 rund 100 Beratungen, das sind nur leicht mehr als im Vorjahr. Die Mehrheit betraf zudem nicht seelsorgliche Berufe. Also zum Beispiel Sakristan/Sakristanin, das Pfarreisekretariat oder Haushälterin.

Die frühere «Informationsstelle Kirchliche Berufe» tritt seit 2013 als «Chance Kirchenberufe» auf. Hat sich dies auf die Nachfrage ausgewirkt?
Ja. Sie ist gewachsen und gleichzeitig unspezifischer geworden. Es kommt durchaus vor, dass jemand erst im Beratungsgespräch fragt, ob er für diesen oder jenen Beruf zuerst in die Kirche eintreten müsse. Man wolle «etwas in Seelsorge» machen, höre ich dann, aber mein Gegenüber hat keine Ahnung davon, geschweige denn eine pfarreiliche Bindung.

Was folgern Sie daraus?
Es ist eigentlich erschreckend, wie selten Personen sagen, mein Pfarrer oder meine Gemeindeleiterin hat mich auf die Idee gebracht, mich bei «Chance Kirchenberufe» zu melden. Vergangenes Jahr kam das nur zwei Mal vor, beide Male wegen eines Pfarrers. Seelsorgerinnen und Seelsorger sprechen viel zu wenig Menschen auf einen Kirchenberuf an mit der Aufforderung: «Du, das wäre doch etwas für dich!»

Woran liegt diese Zurückhaltung?
Aus meiner Sicht sind wir, die Seelsorgerinnen und Seelsorger, unschlüssig, wie es mit der Kirche weitergeht. Ich kann in der Beratung keinem 30-Jährigen mehr unbefangen sagen, er habe für die nächsten 40 Jahre einen sicheren Job, wenn er in der Kirche arbeite. Das wäre naiv. Ich bin mir sicher, dass es immer eine Kirche geben wird. Sie wird nur anders aussehen, und ob sie in der dannzumaligen Form solche Berufe auf Dauer bezahlen kann, frage ich mich.

Wie fliesst das in Ihre Beratung ein?
Die Leute, die zu mir kommen, haben meistens einen Erstberuf. Wir besprechen, ob sie in diesen zurück könnten, wenn es mit der Theologie nichts wird. Oder welches zweite Standbein daneben passen könnte. Ich betone jedenfalls: Macht oder erwerbt euch nebenher etwas, das uns in der Seelsorge hilft, das man notfalls aber auch ausserhalb der Kirche wertschätzt. Einen psychologischen Abschluss etwa, oder etwas in der Aus- und Weiterbildung.

Wann sind Sie erfolgreich?
«Chance Kirchenberufe» ist kein Rekrutierungszentrum. Wir beraten Menschen, damit sie zu einer für sie sinnhaften Tätigkeit finden. Das gilt auch für solche, die für die Ausbildung zu einem kirchlichen Beruf schon zu alt sind. Bei ihnen kann «Berufung» zum Beispiel heissen, dass sie sich neben dem Beruf in der Palliativ Care oder für eine Caritas-Aufgabe engagieren. Ich habe viel mit Menschen zu tun, die mir von ihrer Sehnsucht nach Sinn erzählen und voller Eifer sind, etwas Neues anzupacken. Sie wollen etwas verändern, sind hoch motiviert. Da bin ich selbst Feuer und Flamme und schaue, was möglich ist.

Woher kommen diese Menschen?
Einmal fragte eine Bankerin, die zu mir kam, am Schluss des Gesprächs, wie viel sie denn als Seelsorgerin verdienen würde. Auf meine Antwort hin meinte sie, diese Summe sei just so hoch wie der Bonus, den sie im Vorjahr erhalten habe. Der Lohn hielt sie dann aber nicht ab, das Studium aufzunehmen, und sie ist seit zwei Jahren Pastoralassistentin. Sie wollte ihren Kindern eine glückliche Mutter sein.

Wie eng ist die Zusammenarbeit mit den Pfarreien?
Wir haben den Schulterschluss mit den Pfarreien immer noch nicht geschafft. Ich werde nicht zum Predigen eingeladen, selten zu einem Informationsanlass mit unserem «Chancenmobil». Wir werben mit Plakaten und mit Spots im öffentlichen Verkehr, aber kaum je hängt ein Banner an einem kirchlichen Gebäude. Die Pfarreien suchen Personal, aber selten kommen Verantwortliche auf die Idee, dass sie selber etwas dafür tun müssen. Es gibt keine organisierte Nachwuchsförderung der Pfarreien.

Erstaunt Sie das?
Nein. Ich will einfach den Menschen zu erreichen helfen, was diese in ihrem Innern spüren. Und ich sage natürlich in jedem Gespräch, mein Beruf sei der schönste, den man haben könne. Ich komme mit Menschen jeglichen Alters in Beziehung, nehme familiär teil, darf das Leben in seiner ganzen Fülle erfahren. Wer dagegen geht schon zum Arzt oder einem Anwalt, ausser wenn er ein Problem hat?

Interview: Dominik Thali, «Kantonales Pfarreiblatt Luzern»

 

Mehr dazu: www.chance-kirchenberufe.ch