Das Bischöfliche Schloss in Chur, wo das Domkapitel am 23. November die Dreierliste des Papstes für die Wahl eines neuen Bischofs zurückwies. | © Whgler/wikimedia
27.11.2020 – Aktuell

Protokoll legt Abgründe im Churer Domkapitel offen

Generalvikar warf Bischöfen anderer Diözesen «feindliche Übernahme des Bistums Chur» vor

In dem von kath.ch veröffentlichten Protokoll der gescheiterten Bischofswahl durch das Domkapitel in Chur wird Bischofsvikar Martin Grichting mit der Äusserung zitiert, die Dreierliste des Papstes bedeute eine «feindliche Übernahme des Bistums Chur durch die Bischöfe von Basel, St. Gallen und den Abt von Einsiedeln». Das Protokoll löste heftige Reaktionen aus.

Das Portal kath.ch veröffentlichte das von Domdekan Niederberger unterzeichnete Protokoll der Bischofswahlsitzung des Domkapitels vom Montag, 23. November. Laut dieser Veröffentlichung sagte Generalvikar Martin Grichting an der Sitzung, die vom Päpstlichen Nuntius übermittelte Dreierliste des Vatikans sei darauf ausgerichtet, «die bisher vom gesellschaftlichen Mainstream abweichende Stimme des Bistums Chur zum Schweigen zu bringen». Grichting beschuldigte die Bischöfe von Basel und St. Gallen, Felix Gmür und Markus Büchel, sowie den Abt von Einsiedeln, Urban Federer, sich in Rom massiv in die Bischofsernennung für Chur eingemischt zu haben. «Diese Dreierliste bedeutet eine feindliche Übernahme des Bistums Chur durch die Bischöfe von Basel, St. Gallen und den Abt von Einsiedeln», wird Grichting in dem Protokoll des Domdekans zitiert. Auch «die Vertreter des staatskirchenrechtlichen Systems» wurden von Grichting der Einmischung sowie «erpresserischer Drohungen» bezichtigt.

Grichting beantragte, das Domkapitel solle nicht auf die Dreierliste aus Rom eintreten. Nach der Eintretensdebatte beschloss das Domkapitel denn auch mit 11 gegen 10 Stimmen bei einer Enthaltung Nichteintreten. Das wurde dem Nuntius so mitgeteilt. Nachdem das Domkapitel auf diese Weise auf sein Recht der Bischofswahl verzichtete, liegt der Entscheid nun bei Papst Franziskus.

Zürcher Kantonalkirche zeigt sich erschüttert

Das zurzeit von Bischof Peter Bürcher als Apostolischem Administrator geleitetet Bistum Chur oder das Domkapitel selbst – dem Bischof Bürcher nicht angehört – haben sich bisher mit keinem Wort zur gescheiterten Wahl geäussert. Die Echtheit des von kath.ch veröffentlichten Protokolls, aus dem zuvor schon das deutsche Portal kath.net zitiert hatte, wurde bisher von keiner Seite in Frage gestellt. Die Veröffentlichung löste heftige Reaktionen aus. Der Synodalrat der Katholischen Kirche im Kanton Zürich veröffentlichte am 27. November eine Stellungnahme, in der er «erschütternde Abgründe im Domkapitel» beklagt. «Diese Ausfälligkeiten dokumentieren einen Machtmissbrauch durch wenige hohe Kirchenmänner an der breiten Basis unserer Kirche», schreibt der Zürcher Synodalrat, und weiter: «Die elf Domherren, welche gemäss des veröffentlichten Protokolls die Wahl eines vermittelnden Bischofs verhindert haben, repräsentieren nicht unsere katholische Kirche. Katholische Kirche ist sehr, sehr viel mehr!»

Bischof Gmür: «Erschreckend und traurig»

Bischof Felix Gmür, der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, äusserte sich gegenüber kath.ch so zu dem Vorgang: «Es ist erschreckend und traurig zu sehen, wie tief die Gräben im Churer Domkapitel sind und wie wenig das institutionelle Wahlverfahren geachtet wird. Umso mehr braucht es als neuen Bischof einen Brückenbauer.» Die Sprecherin des Bistums St. Gallen, Sabine Rüthemann, erklärte: «Die aus dem Protokoll des Domkapitels bekannt gewordenen Vorwürfe an die Bischöfe von Basel und St. Gallen sowie an den Abt von Einsiedeln sind dermassen weit weg von jeder Realität, dass dazu keine Stellungnahme nötig und möglich ist.»

Auch in Deutschland sorgte das Protokoll für Entsetzen. «Wo sich Kirche so präsentiert, wie das hier geschieht, kann sie keine Zukunft haben», zitiert kath.ch den Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer.

Christian von Arx