Die Informationsveranstaltung zur Pfarrwahl in Riehen fand im Pfarreiheim St. Franziskus statt. | © Pfarrei St. Franziskus
13.01.2019 – Aktuell

Offene Aussprache zur umstrittenen Pfarrwahl in Riehen

An der Informationsveranstaltung von Stefan Küng kamen Unterstützer und Kritiker zu Wort

Wegen eines Referendums mit 132 Unterschriften findet in der Pfarrei St. Franziskus in Riehen die Wahl eines neuen Pfarrers an der Urne statt. An einer Informationsveranstaltung, an der sich der Kandidat Stefan Küng zu einem früheren Strafverfahren äusserte,  waren seine Unterstützer in der Mehrheit.

Das Interesse war gross: Etwa 150 Personen strömten um 19.30 Uhr in den Grossen Saal des Pfarreiheims St. Franziskus in Riehen. Genau einen Monat vor der Pfarrwahl vom 10. Februar fand jene Informationsveranstaltung statt, die der Kandidat Stefan Küng schon vor Monaten in Aussicht gestellt hatte. Auch eine Reihe Medien waren vertreten, darunter ein Team der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens SRF. Grund dafür war der 2012 im Kanton Thurgau rechtskräftig gewordene Strafbefehl wegen einer sexuellen Handlung mit einem Kind. Die Medienleute durften im Saal keine Bild- und Tonaufnahmen machen und nicht das Wort ergreifen. Zielpublikum des Anlasses waren die Pfarreiangehörigen von Riehen und Bettingen.

«Sie können auch heikle und kontroverse Fragen stellen», begrüsste Stefan Küng die Anwesenden, «aber ohne Wohlwollen kann kein Verständnis entstehen.» Dieses Wohlwollen brachte ihm ein grosser Teil der Anwesenden entgegen, wie sich an den Voten und am Applaus während des zweieinhalbstündigen Anlasses zeigte. In der Fragerunde äusserten rund ein Dutzend Pfarreiangehörige ihre Unterstützung für den Priester, der seit Sommer 2015 in Riehen Gottesdienste hält, predigt und als Seelsorger tätig ist.  In dieser Zeit habe er viel Einsatz geleistet und bei ihr das Gefühl «wir sind daheim» entstehen lassen, sagte eine Sprecherin des Frauenvereins. Auch die Mutter einer Erstkommunikantin sprach ihm ihr Vertrauen aus. Bei seinen Kindergottesdiensten sei die Kirche voll von Kindern. «Wer in die Kirche geht, weiss längst, dass er nie etwas Böses getan hat oder tun wird», meinte eine weitere Pfarreiangehörige.

«Auch die andere Seite sehen»

In die andere Seite der Waagschale fielen ein halbes Dutzend kritische Voten. Zwei Männer bemängelten, die Informationspolitik zu dieser Pfarrwahl sei reaktiv statt proaktiv gewesen, die Aufklärungspflicht hätte schon früher wahrgenommen werden sollen. Die direkte Aufforderung, den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Thurgau von 2012 vorzulesen, lehnten Stefan Küng und der Präsident der Pfarrwahlkommission, Stefan Suter, ab: Die Substanz des Inhalts sei genügend wiedergegeben worden. Auf die Frage, ob ausser dem Präsidenten auch die andern Mitglieder der Pfarrwahlkommission über den Wortlaut des Strafbefehls voll informiert waren, erklärte ein im Saal anwesendes Mitglied, den Text nicht gesehen zu haben. Ein Kritiker attestierte Stefan Küng, ein guter Seelsorger zu sein und an dieser Versammlung ehrlich gesprochen zu haben. Man müsse aber auch die andere Seite sehen: In der katholischen Kirche habe es massiven Missbrauch gegeben, man müsse die Opfer ernst nehmen.

Es sei richtig, sich genau zu informieren, meinte eine Sprecherin darauf, aber bei Stefan Küng seien fünf Beurteilungen zum gleichen Ergebnis gekommen, dass er als Pfarrer tätig sein könne: «Was brauchen Sie denn, bitte, noch?» Auch wurde dem Priester zugutegehalten, dass er durch den Strafbefehl von 2012, durch den Verlust seiner damaligen Stelle und die Medienberichte schon dreifach bestraft worden sei; eine Nichtwahl in Riehen wäre eine vierte Strafe.

Eine Synodalin äusserte ihren Eindruck, die «Intransparenz», wie Stefan Küng in die Pfarrei Riehen gekommen sei, habe die Pfarrei gespalten. Zwei der kritischen Stimmen beklagten aggressive Reaktionen ihnen gegenüber. Küng selbst bestätigte, es gebe in der Pfarrei Gruppierungen. Ihm seien Gegensätze und eine gewisse Unbarmherzigkeit aufgefallen. Das sei nicht in seinem Sinn.

Entlastung durch Gutachten

Vor der Diskussion hatte der Präsident der Pfarrwahlkommission die Gründe für eine Wahl Küngs dargelegt. Die Kommission habe zunächst entschieden, in erster Linie einen Pfarrer – also einen Priester – zu suchen. Da Stefan Küng in unmittelbarer Nähe tätig war, habe sie ihn um eine Bewerbung gebeten. Er sei sowohl als Priester wie als Seelsorger hervorragend, zudem mit 48 Jahren für einen Priester jung – «was will man mehr?». Die geforderte Transparenz sei in einer heiklen Personalfrage fehl am Platz.

Weiter fasste Stefan Suter die – in «Kirche heute» bereits früher dargelegten – Umstände des Strafverfahrens zusammen, das die Staatsanwaltschaft des Kantons Thurgau in den Jahren 2010 bis 2012 gegen Stefan Küng geführt hatte. Suter sagte, die Fussmassage an einem Jugendlichen wenige Wochen vor dessen 16. Geburtstag sei «nicht sehr schlau», aber seiner Meinung nach nicht strafbar gewesen. Es sei ein Fehler gewesen, dass Küng den Strafbefehl, der eine bedingte Geldstrafe enthielt, nicht angefochten habe. Die Glaubenskongregation in Rom habe ihn kirchenrechtlich freigesprochen, drei Gutachten seien zum Schluss gekommen, dass von ihm  keine Gefahr ausgehe. Suter zitierte aus dem vom Bischof in Auftrag gegebenen Gutachten des Forensischen Instituts Ostschweiz (forio), das in Küngs Handeln keine sexuelle Motivation erkannt, ihn in die tiefste Risikokategorie eingestuft und ihn uneingeschränkt zur Wahl als Pfarrer empfohlen habe. Daraufhin habe der Bischof entschieden, dass Stefan Küng Pfarrer sein könne.  «Es ist eine Chance für uns, für Riehen», lautete Suters Fazit.

Pfarrer Stefan Kemmler legte der Versammlung dar, dass er als Leiter des Pastoralraums Basel-Stadt nicht direkt an der Pfarrwahl in Riehen beteiligt sei. Diese sei nach der Zustimmung des Bischofs nun Sache der staatskirchenrechtlichen Seite: «Ihr könnt jetzt überlegen, ob ihr ihn wählen wollt oder nicht.»

Pfarrer Daniel Bachmann, als Pfarrer in Aadorf TG sowohl Küngs Vorgänger wie auch sein Nachfolger, zeichnete ein positives Bild von Stefan Küng, den er seit 19 Jahren kenne und mit dem er auch heute befreundet sei. In dessen Wahl zum Pfarrer sah Bachmann eine Chance für Riehen. Im damaligen Strafverfahren habe er Stefan Küng empfohlen, gegen den Strafbefehl Einsprache zu erheben und vor Gericht zu gehen, diesen Rat habe Küng leider nicht befolgt.

In «Deal» mit Staatsanwalt eingewilligt

Zu dieser Frage erklärte sich Stefan Küng so: «Ich war am Boden und hatte keine Kraft mehr. Darum habe ich in den Deal mit der Staatsanwaltschaft eingewilligt.» Das Verfahren, die einmonatige Untersuchungshaft und der «Medienaufruhr» hätten ihn stark belastet. Missbrauch und pädophile Handlungen seien für ihn ein No-Go. Die fragliche Fussmassage habe keine sexuelle Motivation gehabt. «Es war eine Unüberlegtheit von mir, eine Fehleinschätzung im Bereich von Nähe und Distanz.» Heute sei ihm klar, dass es nicht angehe, sich allein mit Minderjährigen in Privaträumen aufzuhalten. Für diese Lektion habe er einen hohen Preis bezahlt. Es sei grauenhaft, wenn man – wie im «Blick» geschehen – als «Pädo-Pfarrer» verurteilt werde.

Er könne verstehen, wenn Mütter und Väter nach all den Publikationen sich Fragen stellten, sagte Küng. Aber er sei auch verwundert, dass «gewisse Kreise in der Pfarrei»  das Gefühl hätten, ohne ihr Referendum seien möglicherweise Kinder gefährdet, denn all die Instanzen, die diese Frage geprüft hätten, seien «keine Greenhörner». Applaus zeigte an, dass seine Ausführungen bei einem grossen Teil der Anwesenden gut aufgenommen wurden.

Ein Raunen ging durch den Saal, als Küng erwähnte, was ihm der Staatsanwalt gesagt habe, als feststand, dass Küng den Strafbefehl akzeptieren würde: «Wir wissen sehr wohl, dass Ihr angebliches Vergehen ‹Peanuts› ist. Aber wegen der öffentlichen Sensibilität konnte ich nicht anders entscheiden.» Ihm sei auch zugetragen worden, dass der betroffene Jugendliche selber später von einem grossen Fehler gesprochen habe, dass er damals den Pfarrer angezeigt habe.

Kurz vor 22 Uhr schloss Stefan Küng die von ihm anberaumte Versammlung ab, auch wenn damit noch einzelne Wortmeldungen unberücksichtigt blieben.

Christian von Arx