Die teilweise eingerüstete Pariser Kathedrale Notre-Dame im August 2019, vier Monate nach dem Brand. | © wikimedia / Bretwa
21.04.2020 – Hintergrund

Der Wiederaufbau als Herkulesaufgabe

Ein Jahr nach dem verheerenden Brand in der Pariser Kathedrale Notre-Dame

Die Nachricht verbreitete sich buchstäblich wie ein Lauffeuer: Eine der berühmtesten Kirchen der Welt – in Flammen! Der Wiederaufbau ist in den angekündigten fünf Jahren kaum zu schaffen.

Es war ein sehr symbolischer Akt, passend sowohl zur Feier des Karfreitags wie auch zum nahen Jahrestag der verheerenden Brandkatastrophe: In der Pariser Kathedrale Notre-Dame verehrt Erzbischof Michel Aupetit die Reliquie der Dornenkrone Christi. Am 15. April 2019 hatte ein Grossbrand Teile des weltbekannten Bauwerks zerstört. Die Dornenkrone, im Mittelalter Ziel unzähliger Pilger, konnte damals gerettet werden.

Auf den Brand folgte die Pandemie

Eigentlich war eine Prozession von Notre-Dame in die Kirche Saint-Germain l’Auxerrois vorgesehen, vorbei an der Sainte Chapelle – aber auf die eine Katastrophe folgte zuletzt eine weitere, globale: die Corona-Pandemie. «Wir sind in dieser halb eingestürzten Kathedrale, um zu erklären, dass das Leben immer noch da ist», sagte Erzbischof Aupetit, fast trotzig.

Bei dem Brand, wohl eine Folge von Dacharbeiten, wurden der hölzerne Dachstuhl aus dem Mittelalter, Teile der Deckengewölbe sowie der Dachreiter aus dem 19. Jahrhundert zerstört. Staatspräsident Emmanuel Macron versuchte noch in der Brandnacht die schockierte Bevölkerung zu beruhigen. Man werde Notre-Dame binnen fünf Jahren wieder aufbauen und zwar «schöner als je zuvor».

Rekonstruktion wird wahrscheinlicher

Inzwischen ist Macrons Mantra leiser geworden. Nicht nur, dass die wagemutigen Architektenträume aus Glas, Stahl und Laserprojektionen allmählich an der Nüchternheit der Denkmalschützer abzuprallen scheinen und eine originalgetreue Rekonstruktion zum wahrscheinlichsten Szenario wird.

Vor allem zeitlich erweist sich der Plan für den Wiederaufbau in fünf Jahren als Illusion. Nach Meinung der früheren Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner könnte der Wiederaufbau von Notre-Dame einige Jahrzehnte dauern.

Grosse Fortschritte wurden zwar schon gemacht: hunderte Tonnen heruntergestürzten Materials geräumt. Doch die Sicherungsarbeiten an dem Unesco-Welterbe werden noch viele Monate dauern.

Ruhe auf der Baustelle

Seit Mitte März ruht die Baustelle wegen der Coronakrise und der Ausgangssperre der Regierung. Die Bauarbeiter an Notre-Dame sind geplagt: von Winterstürmen, dem ein oder anderen verbalen Scharmützel zwischen den Entscheidungsträgern und nun also vom Corona-Zwangsstopp.

Schon einmal musste die Baustelle für drei Wochen geschlossen werden, wegen der enormen Bleibelastung durch die geschmolzenen Dächer. Im Inneren der Kirche darf sich niemand längere Zeit ohne Maske aufhalten; Zwangsduschen mehrmals am Tag ist Pflicht.

Staatspräsident Macron bekräftigte am ersten Jahrestag des Brands, dass er am Wiederaufbau innert fünf Jahren festhalte. «Wir werden alles tun, was wir können, um diese Frist einzuhalten», sagte er gemäss Medienberichtenin am 15. April einer Videobotschaft.

Eine Milliarde Spendengelder zugesagt

Der eigentliche Wiederaufbau von Notre-Dame soll 2021 beginnen. Knapp eine Milliarde Euro von 320 000 Spendern und Stiftungen sind dafür zugesagt. Der Kathedralfonds hat nach eigenen Angaben bislang rund 375 Millionen Euro gesammelt.

Geld ist am Ende wohl nicht das Problem für den Wiederaufbau. Dennoch: Saint-Sulpice, die riesige Klassizismus-Pfarrkirche in der Rue de Vaugirard, wird wohl noch für geraume Zeit die Notkathedrale von Paris bleiben. Das «Herz der Franzosen» kann sie nicht ersetzen.

kath.ch / kna / kh