Die katholische Kirche «Maria Mittlerin» in Gelterkinden ist gross und hat deshalb auch einen volumi­nösen Klang verdient, findet Organist Thomas Brand. | © Boris Burkhardt
28.09.2020 – Aktuell

Noch verpönt, aber schon im Trend: die Hybridkirchenorgel

Gelterkinden hat bei der Sanierung der Orgel in der katholischen Kirche einen neuen Weg gewählt

Die katholische Kirche in Gelterkinden ist erst das vierte Gotteshaus in der Schweiz mit einer Hybridorgel. Organist Thomas Brand erklärt die finanziellen und musikalischen Vorteile des Instruments, bei dem die physischen Pfeifen durch digitale Register erweitert wurden.

Und was kann die Hybridorgel noch? Organist Thomas Brand sitzt auf der Empore der katholischen Kirche Maria Mittlerin in Gelterkinden an dem kleinen kompakten Spieltisch, der baulich getrennt von den linken und rechten Pfeifenwerken ganz vorne an der Brüstung steht. Er hat schon einige «Gadgets», wie er sie nennt, gezeigt, die ihm der digitale Teil der neuen Hybridorgel erlaubt.

Mit dem Schalter rechts oben kann er mit einem Knopfdruck die ganze Orgel transponieren, also in der Tonart ändern; links unten sind die Anschlüsse für Midi-Geräte versteckt, wo er einen Midi-Expander anschliessen und zum Orgelspiel Pauken, Geigen oder ein Saxophon einspielen könnte.

Unbemerkt zieht der Organist am rechten unteren Rand des Spieltisches eine winzige Schublade mit einem kleinen Display und wenigen Knöpfen heraus: Mit diesem Sequenzer könne er ganze Orgelstücke aufnehmen und abspielen lassen, sagt Brand.

Geheimfach wie bei James Bond

Die versteckte kleine Schublade erinnert unwillkürlich an ein Geheimfach wie am Ar­maturenbrett eines James-Bond-Fahrzeugs. Wenn eine solche Hybridorgel kein kompaktes Hightech-Gerät ist!

Am 23. August weihte die Katholische Kirchgemeinde Gelterkinden ihre neue Hybridorgel ein. «Hybrid» bedeutet bei einer Orgel, dass die vorhandenen analogen Pfeifenregister durch neue Register, also Gruppen von ähnlich grossen Pfeifen, oder Klangfarben erweitert werden, die aber nur digital existieren und über Lautsprecher ausgegeben werden.

23 zusätzliche Register

Der Grund, warum er sich in seiner Kirchgemeinde für den Erwerb einer Hybridorgel einsetzte, lag für Brand in der Möglichkeit, mehr Register zu erhalten: «Wir haben einen grossen Kirchenraum; da darf es etwas mehr Klangvolumen sein.» Zu den vorhandenen 26 analogen Registern kamen nun 23 neue, digitale hinzu: «Das wäre bei einer herkömmlichen Erweiterung nicht zu einem akzeptablen Preis möglich gewesen.»

Die Orgel in Gelterkinden ist 60 Jahre alt und wurde für 220 000 Franken saniert. Allein ein neuer Spieltisch analog dem alten würde laut Brand heutzutage rund 75 000 Franken kosten. Bei einer Erweiterung mit analogen, also physischen Pfeifen, hätte die Gemeinde mit weiteren rund 20 000 Franken pro Register rechnen müssen – für 23 Register samt Spieltisch wären das über 500 000 Franken gewesen. Der «digitale Anbau» mit dem jetzigen digitalen Spieltisch kostete hingegen nur 80 000 Franken.

Digitale Töne nicht erkennbar

Die neuen Register ermöglichen laut Brand neue Spielarten und Klangvarianten auf der Orgel – unter anderem darf Bach nun nach Bach klingen. Von der digitalen Klangqualität überzeugte sich Brand in Däniken, wo sich die reformierte Kirchgemeinde vor zwei Jahren eine Hybridorgel anschaffte: «Ich habe sie akribisch untersucht; aber ich konnte nicht heraushören, welche Töne digital und welche analog waren.»

Trotz der kurzen Zeit seit der Inbetriebnahme ist die Hybridorgel in Gelterkinden laut Brand nun selbst zum Interesse anderer Organisten der Region Basel geworden, die bereits angefragt hätten, auf ihr ein Konzert zu geben. Brand selbst könnte sich «sehr gut» vorstellen, in Zukunft etwas zu experimentieren, etwa mit Geigen- oder Saxophonklängen aus dem Midi-Expander, sowohl an einer «Soirée für Orgelinteressierte» als auch im Gottesdienst: «Die Leute würden sich auf den Kirchenbänken umdrehen.»

Boris Burkhardt, kath.ch

 

Auf dem Youtube-Kanal der Katholischen Kirchgemeinde Gelterkinden [www.youtube.
com/watch?v=TgLrtXhQ_8A] findet sich ein Video, in dem Organist Thomas Brand die Vorteile einer Hybridorgel erklärt.