Die Kirchenchöre müssen sich an die grossen Abstände gewöhnen, die wegen Corona auch in den Proben eingehalten werden müssen (Kirchenchor Schönenwerd, 27.8.2020). | © Christian von Arx
03.09.2020 – Aktuell

Noch singt das Volk in der Kirche eher «piano»

Wie in den Gottesdiensten gesungen werden darf, hängt stark von Raumgrösse und Lüftung ab

Ist es angesichts von Corona zu verantworten, dass Gemeinde und Kirchenchor im Gottesdienst wieder singen? – Für den Entscheid sind die Anzahl Anwesender, die Grösse des Kirchenraums und die Möglichkeit zur Lüftung wesentlich. Drei unterschiedliche Beispiele aus Pfarreien im Kanton Basel-Landschaft.

«Bei der Wiederaufnahme der Gottesdienste nach Pfingsten waren wir uns einig: Wir möchten ein Minimum an Gemeindegesang ermöglichen», erklärt der Liestaler Gemeindeleiter Peter Messingschlager. «Das gemeinsame Singen verbindet, es versetzt in Schwingung und ist einfach wichtig.» In den Gottesdiensten wurden die Anwesenden aber eingeladen, nicht allzu laut zu singen. Und seit der Diskussion über Aerosole werden weniger Strophen oder weniger Refrains gesungen. Die Gesangbücher braucht es in Liestal nicht, die Liedtexte können in der Kirche mit dem Beamer an die Wand projiziert werden.

Wie kommt diese Praxis bei den Leuten an? Peter Messingschlager meint: «Sie singen gern, das hört man. Sie singen aber auch bewusst etwas zurückhaltend.» Für den Gemeindeleiter stimmt es so, es sei ein guter Mix.

Am 16. August – das geplante Pfarreifest musste ausfallen – hatte der Liestaler Kirchenchor seinen ersten Einsatz in der Coronazeit. Die Chormitglieder freuten sich darauf, sich wieder zu den Proben zu treffen, auch wenn einzelne wegen ihres Alters oder gesundheitlicher Einschränkungen noch verzichten mussten. Die Proben finden in der Kirche statt, im Gottesdienst ermöglicht die Empore dem Chor die nötigen Abstände. Für Weihnachten werde dieses Jahr keine Orchestermesse einstudiert, sondern eher Lieder mit Instrumentalisten in kleiner Besetzung, meint Peter Messingschlager aus heutiger Sicht.

Muttenz: Schola statt Volksgesang

In Muttenz unterscheidet Pfarrer René Hügin zwischen Werktagen und dem Wochenende. «In Gottesdiensten unter der Woche stimme ich spontan Lieder an, die die Leuten kennen und die sie ohne Gesangbuch mitsingen können. Das klappt sehr gut», berichtet er.

Anders am Samstag und Sonntag, wenn mehr Leute das Kirchenschiff füllen. Dann übernimmt die «Schola» den Gesang: Eine Gruppe von vier oder fünf Sängerinnen und Sängern aus der Pfarrei, die vorne im Chor singen. Das Volk kann leise einstimmen, etwa bei gesungenen Antworten in der Liturgie. Auch dafür braucht es keine Gesangbücher: «In unserer grossen Kirche wäre es zu aufwendig, die Büchlein immer wieder zu desinfizieren.»

Für den Pfarrer ist wichtig, dass dieses Vorgehen in den Gottesdiensten Sicherheit vermittelt und dass niemand Angst haben muss. «Natürlich wird der Volksgesang vermisst», sagt Pfarrer Hügin. «Aber die Schola singt bis zu vierstimmige Gesänge, das schafft auch eine schöne Atmosphäre.»

Im Sonntagsgottesdienst vom 13. September, wenn die neuen Firmlinge des Jahres 2020/21 aufgenommen werden, wird erstmals wieder der Kirchenchor mitwirken, mit Gospels, die vorne im Chor der Kirche gesungen werden, immer mit den nötigen Abständen.

Laufental-Lützeltal mit Kantorendienst

Vorläufig keinen Volksgesang gibt es in den Gottesdiensten des Pastoralraums Laufental-Lützeltal. «In unserer grossen Kirche in Laufen ist keine gute Belüftung möglich», erklärt Pastoralraumleiter Diakon Christof Klingenbeck. Zudem gebe es immer wieder Gottesdienste, bei denen wegen der grösseren Anzahl Teilnehmender die Abstände nicht eingehalten werden könnten und darum Masken getragen werden. «Darum haben wir uns im Pastoralraumteam für die vorsichtige Seite entschieden und verzichten generell auf den Volksgesang.» Das gilt auch in den Kirchen der kleineren Pfarreien in Liesberg, Roggenburg-Ederswiler, Wahlen, Brislach und Kleinlützel.

Schon zuvor hatte der etwa 20-köpfige Kirchenchor Laufen von sich aus entschieden, bis auf Weiteres nicht aufzutreten und zu proben. Der Vorstand und einzelne Chormitglieder sind jedoch dazu bereit, dass kleine Gruppen von vier bis acht Sängerinnen und Sängern an ausgewählten Gottesdiensten mitwirken. Das gilt auch für die Singgruppe Chorisma, den zweiten Chor der Pfarrei Laufen. «Jetzt werden die Einsatzdaten für diesen Kantorendienst festgelegt», berichtet Diakon Klingenbeck.

Reaktionen auf den Verzicht auf Volksgesang hat der Pastoralraumleiter bisher keine bekommen. «Natürlich fehlt etwas», meint Christof Klingenbeck. «Aber in den Gottesdiensten gibt es dafür mehr Freiraum für Improvisationen oder meditative Stücke der Orgel. Das wird auch geschätzt.»

Alle Angefragten betonen, dass ihre Regelung nur eine Momentaufnahme ist. Sie verfolgen die Entwicklung laufend und wollen die Situation nach den Herbstferien neu beurteilen.

Christian von Arx