Valentine Koledoye ist seit dem 1. Mai Bischofsvikar St. Urs. | © Roger Wehrli
11.05.2020 – Aktuell

«In der Schweiz habe ich zu vielen Fragen meine Meinung geändert»

Valentine Koledoye ist der neue Bischofsvikar für beide Basel und den Aargau

Der Nigerianer Valentine Koledoye (52) übernimmt als erster Afrikaner eine Leitungsfunktion im Bistum Basel. Im Gespräch sagt er, warum er darauf stolz ist und welche Erlebnisse in der katholischen Kirche der Schweiz ihn verändert haben.

Sie sind der erste afrikanische Bischofsvikar aller deutschsprachigen Bistümer. Ein Grund, stolz zu sein?
Valentine Koledoye: Ich bin nicht stolz darauf, weil ich Afrikaner bin. In der Ernennung durch Bischof Felix Gmür zeigt sich vielmehr, wie sehr die Schweiz offen ist gegenüber anderen Kulturen – die Schweiz als Gesellschaft und nicht nur die katholische Kirche hierzulande. Auch reformierte Christen haben mir zur Ernennung gratuliert.

Haben Sie auch schon Rassismus in der Kirche Schweiz erlebt?
Natürlich gibt es überall Rassismus, nicht nur in der Schweiz. Aber persönlich habe ich das noch nie erlebt. Dabei lebe ich seit zwölf Jahren hier. Negative Reaktionen mir gegenüber nehme ich nicht als Rassismus wahr. Ich glaube, manchmal werden gewisse Verhaltensweisen oder Umstände für rassistisch gehalten, obwohl sie es nicht sind.

Zum Beispiel?
Ich kann Ihnen von einem Erlebnis berichten. Das war in Österreich, um die Weihnachtszeit. Meine ersten Weihnachten in Europa. Ich wollte mit dem Zug von Innsbruck nach Salzburg fahren, hatte ein Ticket gekauft. Unterwegs sah ich ein Schild mit der Aufschrift «Schwarzfahren verboten». Bei der nächsten Station stieg ich aus und fragte eine Passantin: «Wo gibt es einen Zug für schwarze Menschen?» Die Frau verstand nichts, bis ich ihr ein Schild mit der identischen Aufschrift zeigte.

Haben Sie aufgrund Ihrer kulturellen Prägung Eigenschaften, die den Leuten gefallen?
Ich bin eine temperamentvolle Person. Ich bin spontan, nicht zurückhaltend. Ich glaube, das gefällt vielen Menschen. Für mich ist zum Beispiel unvorstellbar, nach dem Gottesdienst direkt in die Sakristei zu gehen. Ich gehe auf die Leute zu, die zur Kirche gekommen sind, tausche mich mit ihnen aus. Das entspricht der afrikanischen Mentalität. In Afrika dauert ein Gottesdienst zwei oder drei Stunden. Würde man sich auf eine Stunde beschränken, würden die Menschen fragen: «Was ist los?» In der Schweiz sind es 50 Minuten, dann haben wir zehn bis fünfzehn Minuten, um miteinander zu reden. Die Leute schätzen das. Wenn ein anderer Priester direkt in die Sakristei geht, reklamieren sie. Ich habe mich an die hiesigen Gepflogenheiten angepasst, gleichzeitig kann ich mich, meine afrikanischen Wurzeln und meine Erziehung einbringen.

Seit 2008 sind Sie in der Schweiz. Gab es seither Momente, in denen Sie dachten: «Nun habe ich verstanden, wie diese Kirche tickt»?
Ja. Ich bin nicht mehr die gleiche Person. In zahlreichen Fragen habe ich meine Meinung geändert. Ein Beispiel ist die Ökumene. Als ich in die Schweiz kam, hatte ich keine Ahnung, was das bedeutet. Dann auch die Rolle der Frau in der Kirche. Ich wurde von meiner Grossmutter erzogen. Ich schätze sie sehr. Sie hat mich gelehrt, dass man jede Frau wie die eigene Mutter behandeln soll. Doch in der Schweiz war es für mich ein Schock, als ich zum ersten Mal einer Frau begegnete, die predigte oder eine Gemeinde leitete. Heute bin ich selbst der Ansicht, es sei Zeit, Frauen zu Priesterinnen zu weihen. Ich glaube, ohne Frauen kommt die Kirche nicht weiter. Was mir auch sehr gefällt, ist die Rolle der Laien in der Schweiz. Aufgrund des dualen Systems haben sie die Möglichkeit, sich einzubringen und mitzuwirken.

Vor welchen Herausforderungen steht die Kirche der Schweiz?
Eine der grossen Herausforderungen ist insbesondere: Wie gewinnen wir neue Berufungen von Frauen und Männern, die in der Kirche dienen wollen?

Haben Sie eine Idee?
Die Idee muss mir der Herrgott noch anbieten (lacht). Das grosse Problem ist: Man hört momentan einfach nur Schlechtes über die Kirche. Will man ein Produkt verkaufen, muss es ein gutes Image haben. Ich würde gerne mit den Medien zusammenarbeiten, um das Image der Kirche zu verbessern.

Zu Ihrem neuen Amt: Haben Sie bereits Vorstellungen, wie Sie das Bischofsvikariat St. Urs leiten wollen?
Als Bischofsvikar bin ich der Verbindungsmann zwischen dem Bischof und der Region. Was ich nicht sein will: Ein Bischofsvikar, der immer in seinem Büro sitzt. Ein blosser Administrator. Ich bleibe Seelsorger und muss wie Jesus Christus auf die Menschen zugehen, ihre Anliegen anhören, ihre Trauer teilen, ihnen Hoffnung geben.

Interview: Barbara Ludwig, kath.ch