«Chill out», Müssiggang, Kontemplation hat zum Ziel, ganz im Hier und Jetzt zu sein. | © Simone Peter/pixelio.de
28.02.2019 – Impuls

Matthäus 9,35–38

Jesus zog durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte alle Krankheiten und Leiden. Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist gross, aber es gibt nur wenig ­Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, ­Arbeiter für seine Ernte auszusenden.

Einheitsübersetzung 2016

 

Neben der «Action» braucht es das «Chill out»

«Lebst Du noch, oder wohnst Du schon?» – Dieser freche Slogan eines Möbelhauses spielt darauf an, dass es noch etwas mehr gäbe als zu leben. Eine Blasphemie auf unser Leben?

In Zeiten von Trauer oder Krankheit kann tatsächlich das Gefühl aufkommen, dass wir zwar leben, aber nicht so, wie wir es eigentlich möchten. Vielleicht ist die Lebensquali-
tät durch die Krankheit dermassen eingeschränkt und fremdbestimmt, oder wir fühlen uns durch die Trauer leer und ohne Kraft, dass wir uns nach einem «Mehr» an Leben sehnen.

Es mag jedoch sein, dass ich gesund bin und mein Leben in ganz geordneten Bahnen verläuft. Mir scheint, als wohne eine gewisse Rast- und Ruhelosigkeit in mir. Als sei etwas in mir, das mich antreibt und im Leben nach vorne bringt. Es entsteht das Gefühl, noch nicht angekommen zu sein und dieses Mehr noch entdecken zu müssen. Ich frage mich, ob dieses Gefühl nur einem Mittvierziger innewohnt, oder ob es auch Menschen fortgeschrittenen Alters kennen? Vielleicht ist es etwas Urmenschliches, den Eindruck zu haben, im Leben noch nicht dort zu sein, wo ich möchte oder sein könnte.

Wenn ich das Leben des Heiligen Fridolin betrachte, dann sehe ich einen Mann, der stets unterwegs war und dessen Lebensverlauf eine gewisse Ruhelosigkeit vermittelt: Er stammte aus Irland und zog – vermutlich grösstenteils zu Fuss – von Irland über das heutige Frankreich nach Chur. Er baute – aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbar – überall auf seinen Lebensstationen Kirchen und Klöster. Sein Leben erscheint mir rast- und ruhelos. Was hat ihn angetrieben? Fühlte er sich in seinem Leben jemals angekommen?

Als Mönch verkörpert Fridolin eine klösterliche Tradition, die im beginnenden 5. Jahrhundert in Italien ihren Ursprung hat. Nebst dem Unsteten und Vorwärtsstrebenden, lateinisch «actio» genannt – «Action» also! – kennt sie auch die «contemplatio», das «In-sich-gekehrt-Sein», Betrachtung genannt.

Auch im Leben Jesu werden diese beiden Pole immer wieder sichtbar. Er geht unter die Leute, ist aktiv, ermahnt seine Jüngerinnen und Jünger, um noch mehr Arbeiter zu bitten. Auf der anderen Seite zieht er sich zurück in die Einsamkeit und Stille.

Das Leben in der gegenwärtigen Gesellschaft ist oft sehr einseitig. «Action» wird gesucht und «Leistung» ist gefordert. Gelegentlich habe ich den Eindruck, dass wir ebenso «müde und erschöpft» sind wie die Menschen, denen Jesus begegnet.

Die christliche Antwort auf die Frage, ob wir noch leben oder nicht schon wohnen, lautet in meinen Augen, dass es darum geht, weder mit einem «Mehr» an Konsum, noch mit einem «Mehr» an Leistung und Ansporn das Leben einzuholen, sondern es kontemplativ einzufangen. Kontemplation hat zum Ziel, ganz im Hier und Jetzt zu sein, als Modus vivendi. Es geht darum, wieder den Müssiggang zu lernen und gelegentlich nichts zu tun, sondern einfach zu sein. Gönnen wir uns nebst der «Action» immer wieder das «Chill out» und entdecken auf diese Art, dass es nicht mehr braucht als zu leben!

Mathias Jäggi, Theologe und Sozialarbeiter, arbeitet als Berufsschullehrer und Fachhochschuldozent