Moutier, Hauptort der bernjurassischen Region Prévôté (ehemalige Propstei Moutier-Grandval), stimmt am 28. März nochmals über einen Wechsel zum Kanton Jura ab. Links sichtbar der Turm der Collégiale St-Germain (reformierte Pfarrkirche, 1860–1863), am Waldrand das Spital von Moutier (Hôpital du Jura bernois). | © Roland Zumbuehl/wikimedia
11.03.2021 – Aktuell

Ab Palmsonntag soll im Jura Frieden sein

Moutier steht im Brennpunkt des langen Konflikts um das Erbe der Fürstbischöfe von Basel

Mit dem Entscheid von Moutier über seine Kantonszugehörigkeit am 28. März möchten Bern und Jura den Jurakonflikt ad acta legen. Seit 200 Jahren dreht sich der Streit um die Hinterlassenschaft des ehemaligen Fürstbistums Basel.

Mal glimmt es unter der Asche, mal lodert das Feuer hoch auf: Seit mehr als 200 Jahren ist der Jurakonflikt ein Brandherd. Ende dieses Monats soll er erlöschen. Denn am 28. März stimmt die Stadt Moutier noch einmal über einen Wechsel vom Kanton Bern in den Kanton Jura ab. Nach einer Vereinbarung der Regierungen beider Kantone von 2012 gilt der Jurakonflikt danach offiziell als gelöst.

Mindestens bis zum Abstimmungstag herrscht in Moutier noch Hochspannung. In der Kleinstadt mit rund 7400 Einwohnerinnen und Einwohnern stehen sich Berntreue und Jura-Autonomisten seit Jahrzehnten gegenüber. Bei der ersten Abstimmung von 2017 resultierte ein Mehr von 137 Stimmen für einen Wechsel zum Kanton Jura. Danach kamen Unregelmässigkeiten ans Licht, die Abstimmung wurde für ungültig erklärt. Wenn jetzt der zweite Anlauf vom 28. März – am Palmsonntag – klappt, sollen beide Seiten das Ergebnis als endgültig akzeptieren.

Moutier-Grandval als Kern des Fürstbistums

Die Klöster in St-Imier, St-Ursanne und Moutier-Grandval waren im 7. Jahrhundert sichtbare Zeichen der Besiedlung der Juratäler. Moutier-Grandval entwickelte sich zu einem Stützpunkt der Königsmacht. König Rudolf III. von Burgund schenkte das Kloster im Jahr 999 dem Bischof von Basel.

Die Schenkung wurde zum Ausgangspunkt eines Staatswesens, des Fürstbistums Basel. Von Moutier-Grandval aus bauten die Bischöfe eine Landesherrschaft vom Bielersee nach Basel auf. Sitz von Fürst und Verwaltung war bis zur Reformation Basel, ab 1528 Pruntrut.

Geografisch war dieser Jurastaat zerklüftet, die Flüsse ziehen Richtung Rhein, Rhone und Aare. Vielfältig waren die im Lauf der Jahrhunderte erworbenen Gebiete (siehe Karte am Schluss dieses Beitrags). Fürstbischöfe und Verwaltung sprachen meistens Deutsch, die Untertanen mehrheitlich Französisch. Der Fürstbischof regierte auch Orte, die kirchlich den Bischöfen von Lausanne, Besançon oder Konstanz unterstanden.

Das Fürstbistum gehörte zum Reich, aber seit dem 14. Jahrhundert zogen Burgrechtsverträge mit Biel, Solothurn und Bern die südlichen Städte und Täler in den Bereich der Eidgenossenschaft. Einen Einschnitt brachte die Reformation: In der Propstei Moutier-Grandval, im Tal von St-Imier und am Bielersee setzte Bern das neue Bekenntnis durch, Propst und Kapitel wichen 1534 nach Delémont aus.

1792: Untergang eines Staates

Die Französische Revolution und Napoleon brachten das Fürstbistum Basel zum Einsturz. 1792 besetzte Frankreich den Norden, 1797 auch den Süden. Der Bischof floh nach Konstanz und musste 1803 auf seine weltliche Herrschaft verzichten. Lokale Selbstverwaltungen – so auch von Januar 1793 bis Dezember 1797 in der Propstei Moutier-Grandval – blieben kurzlebig. Für rund 20 Jahre war der Jura ein französisches Departement.

Was sollte nach Frankreichs Niederlage 1813 aus dem ehemaligen Fürstbistum werden? Aus allen Ecken des Juras kamen Wünsche: Fast alle wollten zur Schweiz, sei es als eigener Kanton, sei es als Teil von Bern. Am Wiener Kongress von 1815 teilten die europäischen Mächte das ganze Fürstbistum der Schweiz zu: Pfeffingen und das Birseck dem Kanton Basel, den grossen Rest dem Kanton Bern. Ein eigener Kanton war für die Mächte kein Thema.

Eine eigene Identität entsteht

Doch die Vereinigung mit Bern machte nicht alle glücklich. Eingriffe des Staates in die Kirche gaben im ganzen 19. Jahrhundert Anlass zu heftigen Zusammenstössen. 1832, 1836, 1849 und 1874 schickte Bern Truppen in den Jura. Im Kulturkampf wies Bern 1874 die katholischen Priester aus – der abgesetzte Bischof Eugène Lachat war ein Bauernsohn aus der Ajoie. Bis 1878 fanden katholische Messen im Geheimen statt. Den Katholiken wurde Bern keine Heimat.

Im 20. Jahrhundert trat der konfessionelle Gegensatz in den Hintergrund. Die Kirche hielt sich zurück, dafür förderten neue Organisationen die eigene Identität der Jurassier. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand eine zu allem entschlossene separatistische Bewegung, die auf einen eigenen Kanton hinarbeitete. Auf der Gegenseite bildeten sich ebenso kampfbereite Vereinigungen der Berntreuen.

1959 legte eine Abstimmung offen, dass die grosse Mehrheit in den nördlichen Bezirken Ajoie, Delémont und Freiberge einen Kanton Jura wünschte, während die südlichen Bezirke Moutier, Courtelary und La Neuveville ebenso entschieden bei Bern bleiben wollten. Möglich war damit ein neuer Kanton nur um den Preis der Teilung des Juras.

Schlussentscheid am Ausgangspunkt

In einem vom Kanton Bern aufgegleisten Abstimmungsverfahren wurde in den 1970er-Jahren der Entscheid des Wiener Kongresses von 1815 korrigiert: Seit 1979 ist der Kanton Jura Realität – wenn auch nur in der Hälfte des ehemaligen Fürstbistums Basel. Die neue Grenze durch den Jura folgt weitgehend der Linie, die vor bald fünfhundert Jahren die Gebiete von Katholiken und Protestanten sowie das Reich und die Eidgenossenschaft trennte.

Ein letzter Streitpunkt ist die Zukunft von Moutier. Zwar hatte die Kleinstadt 1975 mit 53 bis 54 Prozent für Bern votiert. Doch später drehte der Wind. Mit dem Ziel, die Jurafrage endgültig abschliessen zu können, haben die Kantonsregierungen von Jura und Bern 2012 eine Vereinbarung geschlossen, als deren letzte Etappe Moutier noch einmal – und definitiv – über seine Kantonszugehörigkeit entscheiden kann. Ein erster Versuch am 18. Juni 2017 hatte ein Mehr von 2067 gegen 1930 Stimmen für den Wechsel zum Jura ergeben, wurde jedoch wegen Unkorrektheiten nachträglich vom Verwaltungsgericht für ungültig erklärt. Im zweiten Versuch soll es nun gelingen.

Der Jurakonflikt ist – oder war – ein Kampf um die Hinterlassenschaft des Fürstbistums Basel. Wie auch immer Moutier am 28. März entscheidet: Man wünscht dem Ort, den der heilige Germanus ums Jahr 640 für sein Jurakloster wählte, Versöhnung.

Christian von Arx

 

Zwischen Juraketten und Klusen: Das Tal von Moutier an der Birs, letzter Brennpunkt des Jurakonflikts. | © Xonqnopp/wikimedia
Das Fürstbistum Basel vor der Französischen Revolution bestand aus einer Vielfalt von «Herrschaften» mit unterschiedlichem Rechtsstatus. Die südlichen Gebiete (schräg schraffiert) waren reformiert und mit  Bern verbündet. | © Archiv des ehemaligen Fürstbistums Basel (Porrentruy)