Bischöfe als Auftrag­geber: Kreuzigungs­szene zu Beginn des Messkanons im Ponti­fi­kalmissale des Basler Bischofs Johann von Venningen (Bischof 1458–1478). | © Porrentruy, Bibliothèque cantonale jurassienne, Ms. 1, Bl. 174v. (www.e-codices.ch)
06.08.2020 – Aktuell

«Mit einer alten Handschrift ganz allein sein»

Sommerausstellung im Barocksaal der Stiftsbibliothek St. Gallen

Die St. Galler Stiftsbibliothek zeigt bis zum 8. November «Die schönsten Seiten der Schweiz – Geistliche Handschriften». Ein Interview mit Stiftsbibliothekar Cornel Dora über alte Quellen und das 15-Jahr-Jubiläum des schweizweiten Projekts
«e-codices».

 

Herr Dora, für viele sind die schönsten Seiten der Schweiz das Matterhorn, Schweizer Schokolade und Heidi – welche sind Ihre?
Cornel Dora: Für mich sind das schöne, zeitlose Pergamentseiten. Am besten aus dem Frühmittelalter, in denen sich unglaubliche Buchkunst gerade im religiösen Schrifttum zeigt.

Landauf, landab leiden Literaturmuseen unter schwachen Besucherzahlen. Hingegen finden jährlich mehr als 150 000 Menschen den Weg in die Stiftsbibliothek St. Gallen …
… und deswegen jammern wir auch nicht. Mit dem Barocksaal haben wir extrem schöne Räumlichkeiten, kombiniert mit einzigartigen Ausstellungsstücken. Wenn man sie gut präsentiert, sind die Manuskripte für alle interessant, nicht nur für ein Fachpublikum. Es ist einfach sehr eindrücklich, ein mehr als 1000 Jahre altes Schriftstück vor sich zu sehen.

Stichwort 15 Jahre Digitalisierungsprojekt «e-codices»: Wie werden alte Handschriften überhaupt digitalisiert?
Die wertvollen Einzelstücke werden auf einen speziell angefertigten Tisch gelegt und dann mit hochwertigen Kameras und kontrollierter Beleuchtung aufgenommen – und zwar so, dass dabei der Einband geschont wird. Dann werden sie auf die Plattform
e-codices aufgespielt. Sie ist im Jahr 2005 entstanden – eines der ältesten Projekte dieser Art weltweit und noch immer führend.

Welche Vorteile hat die Digitalisierung alter Handschriften?
Vor allem zwei: Bei der Nutzung muss das Objekt nicht direkt angefasst werden. Zudem hat die Digitalisierung zu einem wesentlichen Anstieg des Gebrauchs geführt. 2005 hatten wir 251 Lesesaalbesucher, und heute schauen sich im Jahr mehrere zehntausend Interessierte die Dokumente an.

Durch die benutzerfreundliche Plattform erreichen wir also ein viel breiteres Publikum. Das ist gut so, denn die Manuskripte gehören allen. Und das ist auch nötig, schliesslich stehen die Geisteswissenschaften unter Druck. Wir haben eine Mitverantwortung, dass sie in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung wahrgenommen werden.

Geht bei der digitalen Nutzung nicht die Sinnlichkeit von Manuskripten wie Geruch, Papierbeschaffenheit oder die Art des Auftrags von Farbe oder Tinte verloren?
Eine solche Handschrift selbst zu halten ist sicher viel schöner. Sinnlichkeit kann man nicht simulieren. Die virtuelle Welt entbindet uns nicht von der konkreten Verpflichtung mit den Objekten. Daher bieten wir
jungen Forschern die Möglichkeit, einem Schriftstück einmal ganz nahe zu kommen, allein mit ihm zu sein. Alte Handschriften anzuschauen hat ja etwas von einem sakralen Akt.

Lesen Sie selbst digitalisierte Handschriften auf einem ebook-Reader?
Nie. Ich habe noch nie einen besessen. Da vermisse ich das Haptische. Ich stehe dazu. Aber unsere Handschriften auf e-codices schaue ich mir natürlich oft an.

kath.ch/Silke Uertz, kna