Bischof Felix Gmür beim Interview. (Foto: Roger Wehrli)Bischof Felix Gmür beim Interview. (Foto: Roger Wehrli)
27.01.2018 – Aktuell

«Das Prozessdenken eröffnet eine neue Zukunft»

Mit Bischof Felix Gmür im Gespräch über innovative Pastoral und Jugendsynode

Der Basler Bischof Felix Gmür spricht im Interview mit Marie-Christine Andres (Pfarrblatt Horizonte Aargau) und Andreas Wissmiller (Kantonales Pfarreiblatt Luzern) über Pastoralräume, aber auch darüber, wie die Stimmen der Jugend nach Solothurn kommen und wahrgenommen werden.

Papst Franziskus hat das Bild vom Bischof entwickelt, der den ihm anvertrauten Menschen mal vorausgeht, mal mitten unter ihnen ist und mal hinterhergeht. Wie wenden Sie dieses Bild auf sich an?
Felix Gmür: Als Beispiele kann ich sagen: Bei den Errichtungsprozessen der Pastoralräume muss ich vorangehen, weil «die Herde» im Sinn der grossen Masse eher träge ist. Wenn Jugendliche sich treffen wie in Taizé, dann muss ich nicht vorangehen. Die wissen selber, wie sie das machen, da bin ich einfach mitten drin. Bei der Regenbogenpastoral war ich eigentlich zuerst hinten, dann habe ich die Wichtigkeit gesehen und sie gepusht. Jetzt gehe ich wieder hinterher und wir schauen, wie es sich entwickelt.

Die Pastoralräume wollen strukturelles Hilfsmittel sein, um den Glauben ins Spiel zu bringen. Heute. Wie sieht heutige, innovative Pastoral aus?
In der Schweiz haben wir gerne klare Verantwortlichkeiten. Wir besetzen Räume und definieren Strukturen. Nun teile ich aber die Aussage von Papst Franziskus in «Evangelii Gaudium», Nr. 222 ff., wo es heisst: «Die Zeit ist mehr wert als der Raum.» Wenn wir die Zeit über den Raum stellen, machen wir Platz für Prozesse. Und das ist die innovative Pastoral. Sie begleitet die Leute in ihren Lebensprozessen, möglichst in eine gute Richtung, die wir «das Heil der Seelen» nennen können. Solche Prozesse sind natürlich viel weniger steuer- oder regulierbar als Räume. Das macht teilweise Angst. Auch der Papst verunsichert manche Menschen, denn er stösst Prozesse an und sagt: Der Heilige Geist schaut schon, dass es in die richtige Richtung geht. Das Prozessdenken eröffnet eine neue Zukunft. Das Weizenkorn wächst schon, aber es gibt keine sofortigen Ergebnisse. Es braucht Geduld und Beharrlichkeit. Manche möchten hingegen oft in der Gegenwart die Zukunft vorwegnehmen und damit zementieren.

Wo beobachten Sie Aufbrüche?
In Pastoralräumen, nach der Errichtung, wenn es weitergeht, sehe ich, dass Pfarreien, einstmals geschlossene Räume, sich im einen oder anderen Aspekt vernetzen. Zum Beispiel in der Jugendarbeit, im Firmkurs oder in den Frauengemeinschaften. Soziologisch gesehen gibt es einen neuen Typ Kirche, eine Vernetzungskirche. Kirche ist nicht mehr an einem Ort, in einer Pfarrei, von der Wiege bis zur Bahre. So leben die Leute ja auch gar nicht mehr. Sondern es gibt verschiedene Ansprüche und Bedürfnisse, und die Aufgabe der Seelsorge ist es, Menschen zusammenzubringen. Spannend, herausfordernd, vor allem weil es gilt, dynamische Prozesse mit statischen Strukturen zusammenzubringen.

Interview: Marie-Christine Andres, Andreas Wissmiller