Mystische Gottesliebe in der Vorstellung ­Lorenzo Berninis im Jahr 1646: Marmor­skulptur «Die Verzückung der hl. Theresa» in der Kirche Santa Maria della Vittoria in Rom. | © Ludwig Hesse
01.11.2018 – Impuls

 

DEUTERONOMIUM 6,2–6

Mose sprach zum Volk:

Wenn du den Herrn, deinen Gott, fürchtest, indem du auf alle seine Gesetze und Gebote, auf die ich dich verpflichte, dein ganzes Leben lang achtest, du, dein Sohn und dein Enkel, wirst du lange leben.

Deshalb, Israel, sollst du hören und darauf achten, alles, was der Herr, unser Gott, mir gesagt hat, zu halten, damit es dir gut geht und ihr so unermesslich zahlreich werdet, wie es der Herr, der Gott deiner Väter, dir zugesagt hat, in dem Land, wo Milch und Honig fliessen.

Höre Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen.

Einheitsübersetzung

 

Mensch, du sollst Gott lieben

Auf den ersten Blick scheint mir der biblische Anspruch eine Unmöglichkeit zu sein. Lieben und sollen passen einfach nicht zueinander. Das Sollen kennzeichnet ein Gebot, also einen moralischen Anspruch. Liebe aber kann nicht gemacht und also auch nicht gefordert werden. Liebe kann entstehen durch aufmerksame Erfahrung miteinander und durch gemeinsam durchlebte Geschichte. Aber ebenso gut kann auf diesem Weg auch Abnutzung entstehen, die hinführt zu Gleichgültigkeit oder gar zu Unerträglichkeit und Hass, und dann gibt es keinen anderen Weg mehr als die Trennung. Sollte solche menschliche Dynamik ausgeschlossen sein, wenn es um die Gottesliebe geht?

Und wenn anderes gemeint wäre? Schliesslich ist das Gebot des Mose, das Hauptgebot des jüdischen Glaubens, bereits 3000 Jahre alt, und was damals unter Gottesliebe und unter Liebe überhaupt verstanden worden ist, kann durchaus sehr anders sein als unsere heutige Vorstellung von Liebe. Den alten Griechen folgend kennen wir Eros und Caritas, also das sinnliche Fasziniertsein vom anderen und die Nächstenliebe. Beides ist auf unsere Gotteserfahrung nicht übertragbar. Eher müssen wir vielleicht die Ebene wechseln und uns der Liebe zuwenden, die wir in Verbindung mit hohen Werten wie Freiheit oder Gerechtigkeit bringen. Aber natürlich wird dann auch Gott zu einem abstrakten Begriff oder Wert und wird nicht mehr als persönliches Gegenüber verstanden. Aus der Liebe als Beziehungsqualität zwischen Personen wird dann Liebe als gelebte Überzeugung.

Ganz unbekannt ist diese Beschreibung der Gottesliebe auch in den alten Texten der Bibel nicht. Da wird uns ans Herz gelegt, dass die Befolgung aller Ge- und Verbote so etwas wie Liebe ergeben kann. Liebe wird so übersetzt in ein System von befolgbaren Regeln und Verhaltensweisen. Wer all diese Vorschriften einhält, der liebt Gott und muss sich über das Problem, über das wir in diesem Impuls nachdenken, keine Gedanken mehr machen. Liebe wird machbar, nicht sehr begeisternd, aber stetig in kleinen Schritten. Leider können sich die Vorschriften derart in den Vordergrund schieben, dass sie das Ziel verdecken, nämlich durch ihre Befolgung Gott näher zu kommen. Dann haben wir etwa das, was wir «kleinkariert» nennen. Jesus hatte damit sein Dauerproblem (mit den Pharisäern), und auch wir finden das nicht unbedingt befriedigend.

Die Gottesliebe hatte auch für Jesus die bekannten zwei Seiten: Einerseits konnte er sich in die Zwiesprache mit seinem himmlischen Vater versenken, andererseits war solche mystische Gottesnähe nichts, was jemand ihm hätte nachmachen können oder sollen. Jesus hat darum die Tradition der jüdischen Vorschriften in ihrer sozialen Dimension verstärkt (nicht das Rituelle zählt vorrangig), und die Gottesliebe gleichwertig ergänzt durch die Menschenliebe und die Selbstachtung. Wer sich und seinem Mitmenschen Wertschätzung und Aufmerksamkeit entgegenbringt, der bewegt sich in Richtung der Gottesliebe. Diese Übersetzung ist geeignet für alle Menschen, die nicht über eine ausgesprochene mystische Begabung verfügen. Sie ist lernbar, dosierbar, erfahrbar und kann vertieft werden.

Selbst- und Nächstenliebe sind dann keine Abwendung von der Gottesliebe, sondern ein Weg der Selbsterfahrung, der uns tatsächlich näher zu Gott bringt. Diese Nähe selbst aber, diese Sicherheit im Glauben, dieses Aufatmen der Seele ist nicht Ergebnis eines machbaren Prozesses. Vielmehr ist und bleibt Gottesliebe ein Geschenk und durch kein Sollen erreichbar.

Ludwig Hesse, Theologe, Autor und Teilzeitschreiner, war bis zu seiner Pensionierung Spitalseelsorger im Kanton Baselland