Durch Auslosen kam Matthias zum Apostelamt, und er war bereit, in die Lücke zu springen und das Amt auszufüllen. | © Rainer Sturm/pixelio.de
21.02.2019 – Impuls

Apostelgeschichte 1,15.21–26

In diesen Tagen erhob sich Petrus im Kreis der Brüder (…) und sagte:
Es ist also nötig, dass einer von den Männern, die mit uns die ganze Zeit zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging (…) – einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein.
Und sie stellten zwei Männer auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. Dann beteten sie: Du, Herr, kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen! Denn Judas hat es verlassen und ist an den Ort gegangen, der ihm bestimmt war. Sie warfen das Los über sie; das Los fiel auf Matthias und er wurde den elf Aposteln zu­gezählt.

Einheitsübersetzung 2016

 

Lückenbüsser oder Geschenk Gottes?

Einer fällt aus – ein anderer kommt. Ein Phänomen, das uns überall begegnet: in der Arbeitswelt, in Gruppierungen und Vereinen, ja sogar in der Kirche. Vertraute Mitglieder, Mitarbeiterinnen oder Pfarreimitglieder scheiden aus unterschiedlichen Gründen aus (zum Glück selten unter so dramatischen Umständen wie bei Judas) und Ersatz muss gefunden werden.

Doch wer von uns Menschen ist schon gerne ein Lückenbüsser? Unsere menschliche Eitelkeit schlägt da immer wieder zu. Sie will erste Wahl sein und nicht Ersatzmann oder Lückenbüsser.

Der heilige Matthias ist der Ersatzmann im Zwölferkreis der Apostel. Judas fällt aus und sein Platz muss wieder neu besetzt werden. Die Zwölferzahl ist dabei kein Zufall, sondern sie erinnert an die zwölf Stämme des Volkes Israel, Gottes auserwähltes Volk im alten Bund. So wie das Volk Israel auf zwölf Stammväter zurückgeht, gründet die Christenheit auf den zwölf besonderen Jüngern, die Jesus sich erwählt hatte.

So also wird Matthias den elf Aposteln zugezählt. Wie aber ist diese Formulierung «zugezählt» zu verstehen? Zeigt sie vielleicht an, dass er eben doch nicht einer der zwölf ist, sondern «nur» zugezählt wurde? Wir wissen es nicht. Aber wir wissen, Matthias ist ein treuer Zeuge seines Herrn geworden und ist nach der Überlieferung den Märtyrertod gestorben. Er hat wohl verstanden, dass die Aufgabe des Apostels nicht irgendeine Aufgabe ist, sondern die Aufgabe, die Frohe Botschaft von Jesus Christus weiterzutragen zu den Menschen und so das Feuer des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe anzufachen.

Matthias, der heilige Lückenbüsser. Solche Mathiasse, solche Lückenbüsser braucht es auch in unserer heutigen Gesellschaft und in unserer heutigen Kirche dringend! Es gibt so viele Lücken und Risse, die gefüllt und geheilt werden müssen. Lücken in der Begleitung einsamer, alter oder kranker Menschen, Risse in Beziehungen und Familien, Risse zwischen Nationen und Ethnien, zwischen Religionen und Konfessionen, innerkirchliche Risse zwischen Konservativen und Progressiven, es gibt bei den Menschen immer grösser werdende Wissenslücken über den christlichen Glauben, es gibt Lücken in den pastoralen Aufgaben unserer Pfarreien, welche mit immer weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auskommen müssen. Wir kennen die vielen Lücken und Hilferufe – sie werden uns täglich vor Augen geführt.

Wie wertvoll sind da Menschen, die einspringen – Menschen, die zu Lückenbüssern werden, Menschen, welche die Lücken und Risse füllen, die überall zu spüren sind, in Stadt und Land, in Kirche und Gesellschaft!

«Matthias» heisst zu Deutsch «Gabe Gottes». Der Name dieses Apostels sagt, was er ist: Gabe Gottes, Geschenk Gottes an seine Kirche. So sind auch heute Menschen, die bereit sind, in die Lücken zu springen, ein Geschenk Gottes und ich bin mir sicher, dass sie den besonderen Jüngerinnen und Jüngern Jesu zugezählt werden.

Nadia Miriam Keller, Theologin, ursprünglich Pflegefachfrau, arbeitet in der Pfarrei St. Odilia, Arlesheim