Die heilige Verena wäscht einem Pest­kranken, den eine Pestklapper an der rechten Hüfte kennzeichnet, die Haare (Tempera auf Holz, um 1521–1524, aus Ditzingen bei Stuttgart, Künstler unbekannt). | © Landesmuseum Württemberg, Stuttgart/P. Frankenstein, H. Zwietasch (Lizenz CC BY SA 3.0 DE)
20.08.2020 – Impuls

Markus 14,3–9

Als Jesus in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen zu Tisch war, kam eine Frau
mit einem Alabastergefäss voll echtem, kostbarem Nardenöl, zerbrach es und goss das Öl über sein Haupt. … Jesus aber sagte: … Auf der ganzen Welt, wo das Evangelium ver­kündet wird, wird man auch erzählen, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis.

Einheitsübersetzung 2016

 

Körperpflege als Zeichen der Menschenwürde

Auf Distanz bleiben und sogar bei Begrüs­sung und Verabschiedung Körperkontakt vermeiden ist in den letzten sechs Monaten zum sozialen Standardverhalten geworden. Corona hat uns beigebracht, mindestens einen Meter fünfzig Abstand zu wahren. Ob uns das auf die Dauer gut bekommt? Aller Digitalisierung und virtuellen Scheinwelten zum Trotz sind wir nach wie vor Wesen aus Fleisch und Blut, die nicht bloss von Luft und Liebe leben, sondern die auch Nähe und Zuwendung, Fühlen und Spüren, Tasten und Streicheln brauchen. Die momentane Entwicklung stürzt uns je länger je mehr in ein ungemütliches Dilemma.

Verena ist, was die Sicherheitsmassnahmen der Coronazeit betrifft, höchst unzeitgemäss und alles andere als ein Vorbild. Denn diese praktisch denkende, wenig zimperliche Frau, die es von den Ufern des Nils im Schlepptau der Thebäischen Legion auf die Alpennordseite verschlug, steht für körpernahe Zuwendung, für berührungsintensive Mitmenschlichkeit, für zugriffige Nächstenliebe. Ihre beiden Attribute, die Zeichen also, mit denen sie in der Kunst dargestellt wird, sind Kamm und Wasserkrüglein. Die Legende weiss zu berichten, dass die Christenfrau Verena kranke, arme, hilflose und verwahrloste Menschen aufsuchte, um ihnen im Namen ihres menschenfreundlichen Gottes unkompliziert und handfest zu helfen, wo immer es nötig war. In Solothurn und Zurzach erzählt man den Kindern bis heute davon.

Zu diesem Liebesdienst gehörte damals wie heute die Sorge für den Leib, die Körperpflege: Die verschmutzten Glieder waschen, die dreckige Wäsche sauber machen, die Wunden reinigen und verbinden, die Haare kämmen und bürsten, ohne Scheu und ohne Berührungsängste, einfach so, dass der Mensch sich wohlfühlt in seiner Haut. Offenbar wusste diese Frau, dass jeder Mensch, auch die Pestkranken, auch die Flüchtlinge und Kriegsversehrten, die Aussätzigen und Randständigen, die vom Coronavirus Infizierten und die HIV-Positiven, jeder stinkende, dahinsiechende, verunstaltete Mensch den Samen der Gottebenbildlichkeit und das Verlangen nach Schönheit in sich trägt. Wie die namenlose Frau im Evangelium, die mit verschwenderischer Geste Jesus den Kopf salbte, brachte Verena die im Menschen schlummernde Schönheit zum Strahlen und verbreitete durch das Öl der Freude, wie es in Psalm 45 heisst, eine frische, heitere Stimmung.

Welch schöne Überraschung! Selbst ein Kamm kann Träger der Frohen Botschaft sein, wenn er, wie bei Verena, von geschickten, feinfühligen Fingern geführt wird. Den Menschen, denen andere tunlichst aus dem Weg gehen und vor denen uns ekelt, übermittelt sie mit diesem alltäglichen Gegenstand etwas Zärtlichkeit und Hilfsbereitschaft, setzt ein Zeichen konkreter Menschenwürde. Mit ihrem Tun manifestiert sie glaubwürdig, dass der Mensch als Kind Gottes berufen ist, leibhaftig teilzuhaben an der Schönheit seines Schöpfers. Vielleicht ist das der Grund, warum Verena eine ausgeprägt ökumenische Aura umgibt. Populär und beliebt bei Katholiken und Protestantinnen, wird sie auch von den orthodoxen Kopten Ägyptens wiederentdeckt als eine der Ihren.

Unsanft und nachhaltig ruft uns die Coronakrise in Erinnerung, dass des Menschen Schönheit zerbrechlich, hinfällig, sterblich ist. Doch wo nasenrümpfende Pessimisten und griesgrämige Nörgler nur Vergänglichkeit, Fäulnis und Modergeruch wahrnehmen, verbreitet Verena mit Kamm und Krug den Wohlgeruch der Hoffnung, den Duft der Schönheit, das Parfüm einer verschwenderischen Liebe, eine grandiose Botschaft – das Evangelium!

Peter von Sury, Abt des Benediktinerklosters Mariastein