07.03.2019 – Editorial

Kleine Freuden

Weiss Gott, diesen Brief hatte ich nicht erwartet. Die Handschrift kam mir bekannt vor. Auf Briefpapier eines Familienhotels im Berner Oberland, datiert vom Juli 1968, also vor mehr als 50 Jahren. Es war ein Brief meines längst verstorbenen Vaters an mich, überbracht von meiner Mutter, die ihn dieser Tage beim Aufräumen fand.

Ich besuchte damals die 3. Klasse und war wohl für eine oder zwei Wochen bei Onkel und Tante auf dem Bauernhof in den Ferien. Der Vater ermahnt mich, den Hühnern nicht mehr als dreimal pro Tag nach den Eiern zu greifen. Den Kühen solle ich genug zum Fressen geben, damit Onkel Max 100 Liter Milch in die Käserei bringen könne – damals eine unvorstellbare Menge bei drei oder vier Kühen. Dann erkundigt er sich, ob Jeannette, das Ackerpferd, brav Milch gebe, und schärft mir noch ein, den Onkel nach der fünfzinkigen Gabel zu fragen … Kurz, er machte nur «s Chalb» mit mir. Vermutlich wollte er mich zum Lachen bringen, weil die Eltern sich sorgten, dass der Bub Heimweh haben könnte. Die Spässe zeigen einen lustigen Vater, wie ich ihn, ehrlich gesagt, nach so vielen Jahren gar nicht mehr in Erinnerung hatte. Es kam mir vor wie ein Brief aus dem Himmel.

Es muss nicht etwas so Rares sein, das uns verwandelt und in eine andere Stimmung versetzt. Vielleicht sind es die ersten Frühlingsboten, die jetzt blühen, Winterlinge, lila Krokusse, die gepunkteten Märzenglöckchen. Ein wunderbares Morgenlicht, wie es einen in dieser Jahreszeit auf der morgendlichen Fahrt zur Arbeit staunen lässt. Vielleicht ein altes Chrömli in der Jackentasche, das uns auf einen Schlag zurückversetzt ins Gespräch auf dem Ausflug vor ein paar Wochen … Oder eben ein überraschender Brief, nicht aus der Vergangenheit, sondern von einer Person, die sich unerwartet wieder einmal meldet. Und für viele ist es natürlich die Fasnacht, in Basel und Liestal steht sie ja noch bevor!

Der Alltag hält uns Unerfreuliches, manchmal Bedrückendes genug bereit. Da tun uns solche kleinen Freuden gut. Sind es nicht die unverhofften, die uns gratis zufallen, die den Panzer unseres Griesgrams am leichtesten durchdringen? Man muss sie nur wahrnehmen. Wir stehen am Beginn der Fastenzeit, Papst Franziskus empfiehlt «Genügsamkeit und Freude» als Haltungen für die Vorbereitung auf Ostern. Vielleicht macht uns ja die Fastenzeit aufmerksamer und empfänglicher als sonst, um in all den Zeichen, die uns umgeben, diejenigen zu erkennen, die ganz für uns bestimmt sind.

Christian von Arx