Klara von Assisi – die Lilie als Symbol der Reinheit zeigt an, dass Klara den Jungfrauen zugerechnet wird (Fresko von Giotto di Bondone, Basilika Santa Croce, Florenz, 1325). | © incamerastock/Alamy Stock Foto
29.07.2021 – Impuls

Philipperbrief 3,10–14

«Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden, indem ich seinem Tod gleich gestaltet werde. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. … Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.»

Einheitsübersetzung 2016

 

Von Christus ergriffen

Im liturgischen Kalender der Kirche begegnen wir zwischen dem 20. Juli und dem 15. August einem bunten Kreis von Frauen, die ein weites Spektrum christlicher Lebensgestaltung repräsentieren. Sie rufen in Erinnerung, welche Schatzkammer uns in der Gemeinschaft der Heiligen offen steht – Kirche vom Feinsten! Margareta (20. Juli); Magdalena (22. Juli); Birgitta von Schweden (23. Juli); Anna (26. Juli); Martha (29. Juli); Edith Stein (9. August); Klara (11. August); Johanna Franziska von Chantal (12. August); Maria in der himmlischen Vollendung (15. August). So unterschiedlich ihr Leben und ihr Sterben auch war, in einem treffen sie sich und wirken überzeugend bis heute: Sie waren von Christus ergriffen!

Chiara von Assisi, ungefähr 15 Jahre jünger als Francesco, wird liturgisch den «Jungfrauen» zugerechnet. Ein Wort, das Tür und Tor öffnet für Missverständnisse und Spekulationen, das eher Peinlichkeit als Bewunderung auslöst. Was soll man sich schon vorstellen unter einer Jungfrau: Die Unschuld vom Land? Ein asexuelles Wesen von einem fremden Stern? Tabuzone für Männer? Eine kämpferische Furie? Oder von allem ein wenig? «Die Jungfrau von Orléans» als verstörendes Exempel. Möglicherweise lässt die Jungfrau an eine Person denken, die vom Leben nicht viel versteht, die viel verpasst von dem, was unser Dasein lebenswert macht.

Doch vielleicht täuschen wir uns. Vielleicht ist es einfach so, dass die Jungfrauen in kein Schema passen. Um mir den Zugang zu diesen unkonventionellen Frauen nicht zu verbauen, habe ich es mir so zurechtgelegt: Die Jungfrau ist eine Frau, basta. Keine Mutter, keine Gattin, keine Witwe, kein Mädchen, keine Märtyrin, sondern Frau. Das reicht. Mehr braucht es nicht, um heilig zu werden. «Von Christus Jesus ergriffen», das ist das Geheimnis dieser Frauen.

Klara brauchte keinen Mann. Francesco war für sie Freund, Gefährte, Inspirator, Bruder. Eine Beziehung auf Augenhöhe. Alles andere überliess sie Christus. In einem Brief schrieb sie, voller Anklänge ans biblische Hohelied: «Himmlischer Bräutigam! Ich will eilen und nicht nachlassen, bis du mich in die Hütte des Weinbergs führst, bis deine Linke unter meinem Kopf liegt und deine Rechte mich umfängt, bis du mich küsst mit dem beglückenden Kuss deines Mundes!»

Mystik? Ekstase? Sublimierung? Wer kann sich ein end-gültiges Urteil anmassen? Chiara von Assisi, in selbstgewählter grösster Armut lebend, etwa vom Jahre 1225 an bis zu ihrem Tod fast dauernd bettlägerig und unter schmerzhaftem Siechtum leidend, war von Christus ergriffen.

Diese Ergriffenheit verwandelt alles, lässt alles in einem neuen Licht erscheinen. Die himmlische Berufung spiegelt sich in der irdischen Realität, Tod und Leben fliessen ineinander, die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinem Leiden sind die zwei Seiten der einen Medaille, die Christus heisst.

Das alles vollzog sich in der Abgeschiedenheit eines kleinen Frauenkonventes in Mittelitalien. Da fand sich keine Spur von finsterem Mittelalter, sondern strahlend klar war das Glaubens- und Liebeszeugnis Klaras.

«Christus gab ihr die Kraft mitten in Drangsal, / war ihr im Dunkel nah, in aller Mühsal. / Sie trug an ihrem Leib sein Todesleiden / und offenbarte uns die Auferstehung.» So singen wir in Mariastein in der Vesper am 11. August. Ich freue mich darauf! Und ich freue mich darauf, Chiara, die Frau mit dem wunderschönen Namen, persönlich kennenzulernen, dann, wenn die Zeit dafür reif ist, wenn ich dafür reif bin.

Peter von Sury, Abt des Benediktinerklosters Mariastein