Was wir essen, hat einen Einfluss auf das Klima. Fleischkonsum trägt stark zur Erderwärmung bei. | © Peter Pleischl / pixelio.de
09.03.2021 – Aktuell

In der Klimakrise braucht es mehr als Rationalität

Die Sozialwissenschaftlerin Jeannette Behringer und der Theologe Martin Föhn zu Kirche und Klimawandel

Was können Kirchen zur Klimadebatte beitragen? Darüber sprachen Jeannette Behringer (Politologin und Ethikerin) und Martin Föhn (Fachverantwortlicher Bildung und Spiritualität der RKK Basel-Stadt) an einem Online-Anlass des Forums für Zeitfragen. Das Fazit: Emotionen spielen eine wichtige Rolle, um die Menschen zum Handeln zu bewegen.

Beten gegen den Klimawandel? Ja, meinte Martin Föhn, «aber nicht nur, sondern auch Beten für einen inneren Wandel». Und zugleich gilt es, konkret etwas zu tun. Er hat sich, inspiriert durch ein Foodwaste-Projekt, dafür entschieden, nur noch einmal pro Woche Fleisch zu essen. Damit begonnen hat er ausgerechnet in Frankreich, wo Fleischkonsum nach wie vor hoch im Kurs steht. Während seines Studienaufenthaltes in Paris erhielt er den Auftrag, die päpstliche Umwelt-Enzyklika Laudato si’ an der Hochschule und der angegliederten Pfarrei umzusetzen.

Dabei stellte er schnell fest, wo es bei der Klimakrise knorzt. «Wie kommt das runter, damit die Menschen etwas machen?» formuliert er die Herausforderung in seinem Auftaktstatement der Online-Veranstaltung, zu der das Forum für Zeitfragen Basel in der Themenreihe «Gott im Klima» eingeladen hatte. Das Gebet ist für Föhn der Weg, sich mit Gott und dem andern zu verbinden und so die Kraft zu erhalten, die notwendigen Dinge zu tun. Das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass alles miteinander verbunden ist, sei die Hauptaufgabe von «Laudato si’». Statt die Erde als Objekt zu betrachten, sollten wir uns als Glied eines Ganzen sehen.

Es braucht mehr als Fakten

Auch Jeannette Behringer ist davon überzeugt, dass es mehr braucht als Fakten und Rationalität. «Damit alleine kommen wir nicht weiter», sagt sie. Und: «Wir müssen aufhören, die Umwelt als technologisches Problem zu verstehen.» Sie möchte den Menschen etwas Republikanisches beibringen. Das Bürgersein und die Auseinandersetzung mit Themen wie Klimakrise soll zur Selbstverständlichkeit werden.

Die Aufgabe der Kirche sieht sie unter anderem darin, leere Räume zur Verfügung zu stellen, wo die Menschen sich über ihre Erfahrungen, Ängste und Ideen austauschen, über den Klimawandel in sehr persönlicher Form sprechen können. Emotionen seien wichtig, um die Dinge zu sortieren, sagt Behringer. Von den Kirchgemeinden und Kantonalkirchen wünscht sie sich, dass sie politisch mehr Flagge zeigen und sich vermehrt als politische Akteure verstehen würden.

Durch Massnahmen im eigenen Bereich können die Kirchen mit gutem Beispiel vorangehen und andere zum Aktivwerden motivieren. Dass es da noch Luft nach oben gibt, hat Martin Föhn im Pastoralraum Basel-Stadt festgestellt. Die Dringlichkeit des Handelns sei auf Leitungsebene nicht so bewusst.

Wie richten wir mit unserem Geld keinen Schaden an?

Jeannette Behringer räumt ein, dass das Thema Klimawandel auch Gefühle der Ohnmacht auslösen kann. «Es erschlägt einen eigentlich.» Ein Schwerpunkt, um aktiv zu werden, sei das Thema Finanzen. «Wir müssen uns in der Schweiz fragen: Wie stellen wir mit unserem Geld keinen Blödsinn an?» Es gelte, die grossen Player dazu zu bringen, nicht mehr in fossile Energieträger zu investieren. «Da kommt man aus der Ohnmacht ‘raus.» Föhn appelliert daraufhin an unsere Ressourcen: «Wir Menschen haben die Fähigkeit, unsere Aufmerksamkeit zu lenken.» Und so könnten wir unsere Aufmerksamkeit auch dorthin lenken, wo wir Kraft und Energie finden, zum Beispiel im Gebet.

Einen ganz konkreten Tipp und eine Ermunterung gab eine Frau aus dem Publikum. Sie weigere sich, Gottesdienste zu besuchen, die man nur mit dem Privatauto erreiche. Man sei zunächst mal allein, wenn man etwas konsequent machen wolle. Aber irgendwo habe sie folgendes gelesen: Was können kleine Gruppen erreichen? Sie können grösser werden.

Regula Vogt-Kohler