Charlotte Küng-Bless ist zur sakramentalen Sendung bereit. | © Foto-Huwi
07.10.2019 – Aktuell

«Dem Sakrament den autoritären Stachel nehmen»

Mitinitiantin Charlotte Küng-Bless erläutert die Ziele der «Junia-Initiative»

Am 3. Oktober wurde die «Junia-Initiative» lanciert. Sie setzt sich dafür ein, dass «bewährte und berufene» Frauen und Männer ohne Weihe in den sakramentalen Dienst der Kirche treten können.

Am Mittag des 3. Oktober kündigte Irene Gassmann, Priorin des Benediktinerinnenklosters Fahr, auf einem live im Internet übertragenen Podium in Rom die Lancierung der «Junia-Initiative» an. Wenige Stunden später wurde eine Medienmitteilung zu dieser Initiative verschickt. Darin ist von der «sakramentalen Sendung für Frauen*» die Rede.

Hinter der Initiative steht eine Gruppe von rund 25 Personen, die sich für die Gleichberechtigung von Frauen in der römisch-katholischen Kirche einsetzen. Darunter nebst Irene Gassmann bekannte Namen wie die Theologinnen Jacqueline Straub, Monika Hungerbühler und Béatrice Bowald. Unterstützt wird die Initiative von «Voices of faith», jener Organisation, die sich für das Stimmrecht von Frauen an Bischofssynoden einsetzt.

Der Begriff «sakramentale Sendung» sei eine Wortschöpfung, erklärt Junia-initiantin Charlotte Küng-Bless gegenüber kath.ch. Die Seelsorgerin aus der Region Rorschach fungiert als Ansprechperson für Frauen, die zur Sendung bereit sind, wie es in der Medienmitteilung heisst.

Auch für Männer offen

«Mit der sakramentalen Sendung meinen wir die Erlaubnis und Beauftragung des Bischofs, die Sakramente feiern zu dürfen», erläutert Küng-Bless gegenüber kath.ch. Diese Beauftragung soll an Personen gehen, die sich dazu berufen fühlen und die sie sich bewährt haben, wie es in der Medienmitteilung heisst. Dabei ist jeweils von «Frauen*» die Rede, wobei der Stern für eine inklusive Sprache stehe. Küng-Bless erwähnt gegenüber kath.ch explizit, dass auch Männer genannt werden könnten.

Mobilisierung des Gottesvolks

Die Initiantinnen und Initianten möchten damit das Spektrum derjenigen, die über die Befähigung von Frauen und Männern im kirchlichen Dienst urteilen, ausweiten. Konkret sollen Gläubige, Pfarreien oder Ordensgemeinschaften – Küng-Bless spricht vom «Volk Gottes» – den zuständigen Ortsbischöfen Frauen und Männer vorschlagen, die sie aufgrund ihrer bisherigen Tätigkeiten in der Kirche für geeignet halten, die Sakramente zu spenden. Die Liste mit diesen Namen soll am 17. Mai 2020, dem Gedenktag der Apostelin Junia, «in einem feierlichen Rahmen» Vertretern der Ordinariate übergeben werden.

Feier von Sakramenten ist Beziehungsarbeit

«Wir klammern den Begriff ‹Weihe› bewusst aus», so Küng-Bless. Es gehe nicht darum, in den Priesterstand aufgenommen zu werden. «Wir wollen dem Sakrament den autoritären Stachel nehmen. Denn das Feiern von Sakramenten ist eigentlich Beziehungsarbeit.» Dies erlebt die 36-jährige zweifache Mutter in ihrer täglichen Arbeit als Seelsorgerin: «Wenn ich in einer Familie eine Beerdigung, die kein Sakrament ist, gehalten habe, dann habe ich zu dieser Familie eine Beziehung aufgebaut. Nicht selten kommt später die Anfrage, ob ich ein Kind derselben Familie taufen würde.» Den Gläubigen immer wieder zu erklären, dass und weshalb sie dies nicht dürfe, erlebt sie als beschwerlich. «Die eigene Institution wirft mir Knüppel zwischen die Beine.»

Den Initiantinnen und Initianten geht es dabei grundsätzlich um jene Sakramente, die in der Regel von Priestern gespendet werden, also um Taufen, Trauung, Eucharistie, Versöhnung (Beichte) und Krankensalbung. Die beiden letzten sind vor allem in weiblichen Ordensgemeinschaften Thema, wie dem Votum von Priorin Irene Gassmann auf dem Podium von «Voices of faith» in Rom zu entnehmen war. Gassmann fungiert als Ansprechperson für Ordensgemeinschaften.

Sieben unterstützende Stimmen nötig

Wer sich zu einer solchen sakramentalen Sendung berufen fühlt, kann sich auf der Website der Junia-Initiative eintragen. Dies kann mit vollem Namen und Foto oder aber mit Pseudonym und Symbolbild geschehen. Andere können auf derselben Website ihre Unterstützung für diese Person eintragen. Um auf die Liste zu gelangen, die dem Ortsbischof vorgeschlagen wird, braucht eine Person mindestens sieben unterstützende Stimmen.

15 Frauen zur sakramentalen Sendung bereit

Bisher finden sich zwei Namen auf der Website, die auf diese Weise unterstützt werden können. Es sind dies Charlotte Küng-Bless selber sowie Jacqueline Straub, die seit Jahren mit grosser Medienpräsenz dafür kämpft, Priesterin werden zu können. Insgesamt sind laut Küng-Bless unter den Initiatinnen etwa 15 Frauen, die zur sakramentalen Sendung bereit seien.

Küng-Bless ist sich des engen Spielraums der Bischöfe bewusst. «Solange von der Weltkirche kein Signal der Öffnung kommt, sind sie in einer Sandwich-Position.» Dennoch hofft sie, dass es zu einem Dialog mit
den Ortsbischöfen kommt. «Vielleicht finden wir im Gespräch schweizweite Lösungen oder es gibt in Teilbereichen eine Testphase.»

Vernetzung mit anderen Gruppierungen

Ob die Junia-Initiative konkrete Veränderungen bewirken kann, wird die Zukunft zeigen. Personelle Verbindungen zu anderen Gruppierungen wie der Initiative «Für eine Kirche mit* den Frauen», dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund, der Gruppe «Wir haben es satt», der Allianz «Es reicht», dem Bündnis «Zeichen gegen Missbrauch» bestünden.

Mit der deutschen Initiative «Maria 2.0» habe man Kontakt aufgenommen. Als nächste Schritte sei die Teilnahme an einer europaweiten Tagung zur Frauenfrage in der katholischen Kirche geplant, der Aufbau des Unterstützungskreises sowie die Vorbereitung des 17. Mai geplant.

Die junge Theologin erwartet keine baldige Änderung: «Meine Hoffnung ist langfristig angelegt.»

Sylvia Stam, kath.ch