Der Schweizer Bischof Paul Hinder vor der Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi. | © Raphael Rauch/kath.ch
03.09.2020 – Aktuell

«Ein Umdenken in Teilen der arabischen Welt»

Bischof Paul Hinder zum Deal der arabischen Emirate mit Israel

Die Vereinigten Arabischen Emirate und Israel haben am 13. August angekündigt, ihre Beziehungen zu normalisieren. Dabei geht es vor allem auch um wirtschaftliche Interessen, sagt Paul Hinder, Bischof von Arabien. kath.ch hat bei ihm nachgefragt.

Überrascht Sie die Annäherung zwischen Jerusalem und Abu Dhabi?

Bischof Paul Hinder: Die Annäherung zwischen Jerusalem und Abu Dhabi kommt nicht aus heiterem Himmel. In diskreter Weise wurde sie schon seit Jahren eingeleitet, ohne dabei grossen Lärm zu machen. Natürlich ist jetzt das formale Agreement für die meisten eine Überraschung, weil von der Annäherung wenig gesprochen wurde.

Wie bewerten Sie die Annäherung?

Ich denke, dass die Annäherung ein wichtiger Schritt in Richtung Normalisierung der Beziehung zwischen der arabischen Welt und dem Staat Israel ist. Beide Seiten müssen über ihren Schatten springen, damit Bewegung in eine seit vielen Jahrzehnten blockierte Situation kommt. Dass bei dieser Annäherung für beide Seiten auch wirtschaftliche Vorteile resultieren, ist wohl mehr als nur ein intendierter Nebeneffekt

Gibt es jüdisches Leben in den Emiraten?

Es gibt jüdisches Leben in den Vereinigten Arabischen Emiraten auf einem bescheidenen Niveau. Bei den interreligiösen Veranstaltungen waren in den letzten Jahren regelmässig auch die Juden vertreten. Gestern verabschiedeten wir bei einer Video-Konferenz den anglikanischen Pastor in Abu Dhabi. Da war selbstverständlich auch der jüdische Rabbiner mit dabei. Beim geplanten abrahamitischen Zentrum ist seit Beginn auch eine Synagoge vorgesehen.

Antisemitismus gehört in vielen arabischen Ländern zur politischen Kultur. Wie nehmen Sie das in den Emiraten wahr?

Der Antisemitismus in der arabischen Welt ist vor allem eine Folge der Gründung des israelischen Staates und der damit verbundenen teilweisen Vertreibung der Palästinenser. Die vertriebenen Palästinenser wurden nie voll in andere arabische Länder integriert, sondern zum Teil bewusst als politisches Konfliktpotential wachgehalten.

Ich habe den Eindruck, dass ein Umdenken stattfindet. Langsam setzt sich in gewissen Teilen der arabischen Welt die Erkenntnis durch, dass ein konstruktives Verhältnis zu Israel allen Beteiligten mehr Nutzen bringt als der zum Teil künstlich aufrechterhaltene Dauerkonflikt. Dadurch wird auch der offene oder latente Antisemitismus abgebaut. Wir sollten nicht vergessen, dass in früheren Zeiten die Juden selbstverständlich mitten in den arabischen Gesellschaften lebten. Man denke nur an die lange Geschichte jüdischer Gemeinschaften im Jemen, an die sich gerade in jüngerer Zeit auch die Araber wieder erinnern.

Raphael Rauch, kath.ch