Blick auf die Altstadt von Luxemburg Stadt mit der St.-Michaels-Kirche (Bildmitte oben). Das älteste erhaltene sakrale Bauwerk der Stadt steht an der Stelle der einstigen Burgkapelle der Luxemburger Grafen. | © wikimedia/Francisco Anzola
06.02.2020 – Aktuell

In Luxemburg beginnt eine neue kirchliche Zeitrechnung

150-Jahre-Jubiläum: Die Diözese Luxemburg gibt es erst seit 1870

Lange aufgeteilt, seit 150 Jahren eins: Die Diözese Luxemburg feiert 2020 ihr 150-jähriges Bestehen. Zugleich steht die Kirche im Grossherzogtum vor Herausforderungen. Das Jubiläum bietet dabei auch Chancen für Neues.

Ein Kardinal, ein zweiter Bischof und nun ein weiterer Grund zum Feiern: Die Diözese Luxemburg wird in diesem Jahr 150 Jahre alt. Dazu startet sie Ende Januar unter dem Leitwort «Zusammen Kirche sein» mit einem bunten Programm: Man begibt sich auf die Spuren der Benediktiner und kirchlicher Kunst im Land, bietet Projekte für Geflüchtete und Veranstaltungen zur Geschichte des Bistums. Auch ein Comic und eine Sonderbriefmarke sollen 2020 erscheinen.

Für Überraschungen gut

Ein Bistum, das wie in Luxemburg einen ganzen Staat umfasst, ist eine Ausnahme. Ähnliches gibt es etwa in Liechtenstein oder Monaco. Aber auch darüber hinaus überrascht die Kirche im Nachbarland mit einigen Besonderheiten. Angefangen damit, dass niemand so genau sagen kann, wie viele Katholiken im Bistum leben. Denn: Das Datenschutzgesetz verbietet es, Angaben zur Religion zu erheben. Schätzungen gehen davon aus, dass von den 600 000 Menschen in Luxemburg etwa 40 Prozent Katholiken sind.

Eine zweite Eigenheit ist der hohe Anteil von Nichtluxemburgern im Grossherzogtum, darunter viele aus katholisch geprägten Ländern wie Portugal oder Italien. Und obwohl Luxemburg traditionell eng mit der Kirche verflochten ist, macht sich zunehmend eine Entfremdung von Kirche und Einwohnern bemerkbar.

Eigenständigkeit im Auge

Doch zunächst ein Blick zurück: Der Wunsch nach einer eigenen Diözese reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück, erklärt der Luxemburger Kirchenhistoriker Georges Hellinghausen. Damals gehörten die Katholiken im heutigen Staatsgebiet entweder zu den Diözesen Trier in Deutschland oder Lüttich in Belgien. Viele von ihnen wünschten sich in religiöser Hinsicht Eigenständigkeit, zunächst ohne Erfolg: Die Bischöfe von Trier und Lüttich waren dagegen, ebenso die luxemburgischen Äbte, fürchteten sie doch um Macht und Einfluss.

Das Anliegen blieb Wunschdenken, bis sich die Karten im Zuge der Französischen Revolution neu mischten. Napoleon einte die Luxemburger Katholiken; sie wurden erst dem Bistum Metz in Frankreich, später der belgischen Diözese Namur zugeordnet.

Der Weg zur kirchlichen Autonomie

Auf die politische Autonomie Luxemburgs, zunächst Grafschaft, dann Herzogtum und seit dem Wiener Kongress von 1815 Gross­herzogtum, folgte die kirchliche: Als Vor-
stufe wurde 1840 das Apostolische Vikariat errichtet, 1870 dann die Diözese Luxemburg geschaffen und 1988 zur Erzdiözese erhoben.

Sich behaupten, sprachlich wie kulturell, darauf legen die Luxemburger nun Wert, erklärt Hellinghausen. «Die geeinten Kräfte waren gerade für ein kleines Land und Bistum zum Überleben sehr wichtig», sagt der Priester. Die Liturgie findet oft auf «Lëtzebuergesch» statt, aber auch auf Französisch oder Deutsch. Dazu passend sollen im Jubiläumsjahr die vier Evangelien auf Luxemburgisch veröffentlicht werden.

Position in der Mitte behaupten

Zugleich legen Land und Bistum Wert auf ihre Position im Herzen Europas. Luxemburgs Kardinal Jean-Claude Hollerich verkörpert diese Haltung und ist als Vorsitzender der EU-Bischofskommission COMECE über die Landesgrenzen bekannt. «Wir sehen uns in der Mitte und wollen uns da auch behaupten», sagt Hellinghausen. Die Schnittstelle von zwei Kulturen und drei Ländern habe die Kirche geprägt – und stifte Identität.

Dennoch hat die Diözese zunehmend zu kämpfen. «Früher gab es ein ganzes katholisch geprägtes Koordinatensystem, Vereine, eine Volkspartei oder Medien wie das Luxemburger Wort, die explizit christlich waren», sagt Hellinghausen. Heute ist die Kirche ein Faktor von vielen.

Trennung brachte Einschnitt

Der Einschnitt kam 2013 mit der Trennung von Kirche und Staat. «Das staatskirchliche System wurde mit einem Streich hinfällig.» Zuwendungen wurden abgeschafft, ebenso der Religionsunterricht. Die Diözese muss nun für sich selbst sorgen, etwa ihre Angestellten oder Mieten für Kirchen in Besitz der Zivilgemeinden aus eigenen Mitteln bezahlen und eigene Bildungsangebote schaffen.

«Jetzt hat eine neue Zeitrechnung begonnen», sagt Hellinghausen. Und doch ist er optimistisch. «In einer Gesellschaft, die immer mehr in kleine Gruppen zerfällt, könnte Kirche Einheit stiften.» Ähnlich äussert sich Bistumssprecher Roger Nilles. Nach den Turbulenzen bringe das Jubiläum Menschen zusammen, stifte Gemeinschaft und lasse Menschen Kirche neu als «lebendigen Träger des Wort Gottes» erleben.

kath.ch/Anna Fries, kna