Erdbestattung oder Urnenbeisetzung? Wesentlich ist für Pfarrer René Hügin etwas anderes: Das Eingebundensein in die Liebe Gottes. | © Christian von Arx
01.11.2018 – Aktuell

Im Sarg zurück zur Erde – oder als Asche in einer Urne?

Domherr René Hügin legt allen ans Herz, mit den Angehörigen über die eigene Bestattung zu reden

Erdbestattung oder Kremation – ist das eine richtiger als das andere? Der Mensch ist frei, sagt der Muttenzer Pfarrer und Domherr René Hügin. Aber er rät allen, die Frage mit den Angehörigen zu besprechen.

 

Herr Pfarrer Hügin, wie ist heute ungefähr das zahlenmässige Verhältnis von Beerdigungen und Urnenbeisetzungen in Ihrer Pfarrei?
Pfarrer René Hügin: Im Grossen und Ganzen wird die Urnenbeisetzung vorgezogen. Immer häufiger gewünscht wird die Beisetzung der Urne im Gemeinschaftsgrab oder das Verstreuen der Asche im Wald oder auf dem Rhein. Letzteres hat mir ein Fährmann bestätigt.

Stellen Sie Unterschiede zwischen Katholiken und anders Gläubigen fest?
Die Beerdigung im Sarg ist besonders bei den Südländern tief verankert. Und ich sehe, dass sie durchaus auch bei Reformierten oder Angehörigen von Freikirchen gewünscht wird. Es ist eher eine Generationenfrage: Die Jungen sind klar für die Kremation. Bei manchen Älteren ist das Verbrennen negativ behaftet.

Was raten Sie Angehörigen nach einem Todesfall: Wie sollen sie sich entscheiden?
Die Art der Bestattung muss bei einem Todesfall relativ rasch entschieden werden. Deshalb lege ich allen ans Herz, diese Frage zu Lebzeiten mit den Angehörigen zu besprechen. Ich habe Mühe damit, wenn dieser Entscheid einsam und ohne Rücksichtnahme auf die Hinterbliebenen getroffen wird. Denn sie sind es, die den Tod nachher verarbeiten müssen. Manchmal stelle ich fest, dass die vom Verstorbenen festgelegte Art der Bestattung nicht übereinstimmt mit den Bedürfnissen der Hinterbliebenen und ihnen den Abschied unnötig schwer macht.

Welche Haltung nimmt die katholische Kirche offiziell dazu ein?
(Denkt lange nach:) Kann man von einer offiziellen Haltung zu dieser Frage sprechen? Vielleicht sagt sie, dass, wo es möglich ist, eher eine Erdbestattung stattfinden sollte – aber der Mensch ist frei.

Handelt man weniger christlich oder weniger katholisch, wenn man sich für eine Kremation entscheidet?
Nein! Eine solche Aussage wäre dumm. Das haben wir ja gar nicht zu entscheiden. Das liegt in der Macht eines anderen.

Was ist denn für Sie das Wichtige an einem kirchlichen Begräbnis?
Die Art der Bestattung ist nicht vordringlich. Wichtig ist dies: Ich mache den Schritt ins Jenseits mit meiner ganzen Persönlichkeit, mit allem was ich erlebt habe. Das Vergängliche geht ins Unvergängliche. Ich bin kein «Grabmensch». Das Wesentliche ist für mich das Eingebundensein in die Liebe Gottes. Eines der schönsten Zeichen des Begräbnisrituals am Grab sind die Worte: «Im Wasser und im heiligen Geist wurdest du getauft. Der Herr vollende an dir, was er in der Taufe begonnen hat.» Er vollendet, wir dürfen geschehen lassen – ein grosses Geschenk.

Beerdigung oder Urnenbeisetzung: Haben Sie die Frage für Sie selbst schon entschieden?
Mein Grab ist für mich reserviert – ein Priestergrab in Ettingen, wo ich aufgewachsen bin. Ich will nicht verbrannt werden, ich möchte zurück in die Erde, so wie ich bin, mit meiner Äusserlichkeit. «Von der Erde bist du genommen, in die Erde kehrst du zurück»: Schon als Ministrant haben mich diese Worte fasziniert. Das ist aber meine ganz persönliche Einstellung. Meine ältere Schwester zum Beispiel hat klar festgelegt, an welchem Ort, der ihr lieb ist, dereinst ihre Asche verstreut werden soll. Darin zeigt sich eine Vielfalt, das ist für mich absolut kein Problem.

Haben Sie schon festgestellt, dass sich die Art der Bestattung auf das Empfinden der hinterbliebenen Angehörigen auswirkt?
Man spürt manchmal, dass es bei den Partnern oder den Kindern der Verstorbenen Spuren hinterlässt, wenn die Art der Bestattung nicht zu deren Lebzeiten abgesprochen war. Wir sind berufen zum Leben, und wir sind berufen zum Sterben. Wie im Leben sollen wir auch über den Tod miteinander reden. Denn ein Todesfall unserer Nächsten geht ganz tief, er berührt unsere innerste Schicht.

Was ist ganz allgemein wichtig für das Totengedenken, für die Beziehung zu den Verstorbenen?
Allerheiligen und Allerseelen bedeuten für mich, dass die Hinterbliebenen in den verschiedenen Gottesdienstformen die Glaubensgemeinschaft als österliche Gemeinschaft erfahren können – mit dem Karfreitag und in der österlichen Perspektive. Wir sind mit unseren Verstorbenen auf dem Weg, und wir nehmen sie mit in unsere Feiern. Die feiernde Gemeinschaft hat ein tragendes Element: Ich muss allein tragen, will mich aber auch getragen wissen.

Interview: Christian von Arx