Ein Lächeln auf dem Gesicht der Adivasis ist für Father Caesar Henry die schönste Bestätigung für einen Einsatz. (Foto: Daniel Wiederkehr, Fastenopfer)
17.02.2018 – Hintergrund

«Alles, was ich möchte, ist, die Adivasi lächeln zu sehen»

Im Gespräch: Priester Caesar Henry engagiert sich in Indien für eine unterdrückte Bevölkerungsgruppe

Die Adivasi leben im Nordosten Indiens, viele in Hunger und Armut und sozial geächtet. Erst mit dem Fastenopferprojekt konnten sie wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und ihre Ernährung sichern. Priester Caesar Henry, der sie dabei unterstützt, ist während der Ökumenischen Kampagne in den Schweizer Pfarreien und Schulen zu Besuch und erzählt.

Priester Caesar Henry, weshalb engagieren Sie sich für die Adivasi?
Zusammen mit den «Unberührbaren», den Dalit, gehören die Adivasi zur Bevölkerungsgruppe, die unterdrückt, ausgegrenzt und ausgebeutet wird, wie keine andere in Indien: Sie besitzen keine Rechte und sind geächtet in der Gesellschaft. In den Adivasi sieht man in Assam bloss die Tagelöhner auf den Teeplantagen. Hunger, Analphabetismus, Verschuldung und die Unterdrückung der Frauen bringen die Adivasi dabei in existenzielle Nöte.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Adivasi aus?
Die Adivasi müssen sich von Geldverleihern und ausnützenden Kräften befreien können. Getreide- und Reisbanken geben ihnen die nötige Eigenständigkeit (siehe Infobox). Mittlerweile hat sich daraus eine ganze Bewegung gebildet, von der nun rund 4000 Personen in 370 Dörfern profitieren können. Die Animatoren des Fastenopferprojektes zeigen den Adivasi, wie die Getreide- und Reisbanken funktionieren. Ausserdem müssen sie sich politisch einbringen können, um für ihre Rechte einzustehen. Auch dazu werden sie geschult. Wir begleiten langfristig Menschen, damit sie ihre eigene Gesellschaft verändern können.

Wo liegen die grössten Schwierigkeiten?
Die Adivasi waren so lange unterdrückt und in den Teeplantagen so gefangen, dass sie ihr Vertrauen verloren haben. Wir mussten ihnen zuerst aufzeigen, wie wichtig es ist, das Land zu besitzen, auf dem sie arbeiten. Nur so ist ihre Nahrungssicherheit langfristig gewährleistet. Und ihre Kultur, ihre Identität und Spiritualität sind dabei sehr wertvoll, um für die eigenen Rechte einzustehen. Mit der Stärkung der Adivasi haben wir uns natürlich nicht nur Freunde eingehandelt, gerade bei den Geldverleihern, die nun ihr Geschäft verloren haben.

Können Sie auch über positive Erlebnisse berichten?
Bis heute konnten in Assam rund 70 Prozent der Adivasi, welche ihr Land an stammesferne Gruppen verpfändet hatten, ihr Land zurückgewinnen. In vielen Dörfern haben die Adivasi nun genug zu essen und können ein würdiges Leben führen. Ihre Kinder werden in die Schule geschickt und niemand verhungert. Kein Kind muss mit leerem Magen ins Bett. Auch sind sie ins politische Leben eingebunden, in der lokalen Selbstverwaltung. Sie kümmern sich um die Sozialhilfe und die Entwicklung der Region. Und von den derzeit 38 Adivasi-Regierungsmitgliedern sind 19 Frauen. Viele Adivasi lächeln wieder. Das war alles, was ich wollte, und es ist mein grösstes Glück.

Was wünschen Sie sich für Ihren Besuch bei uns in der Schweiz?
Zuerst einmal möchte ich Danke sagen. Obwohl ihr von weit her seid und uns nicht kennt, habt ihr uns berührt, viele Adivasi leben heute befreit und gestärkt. Das motiviert mich, weiterzumachen. Zweitens möchte ich sagen, dass wir eine gemeinsame Verantwortung haben, eine gerechte Gesellschaft aufzubauen. Ihr habt die Verantwortung, eure Hand auszustrecken, eure Liebe zu erweitern zu den Armen, Unterdrückten und an den Rand der Gesellschaft Gedrängten.

Interview: Daniel Wiederkehr und Madlaina Lippuner/Fastenopfer

Ausweg Reisbank

Getreide- und Reisbanken ermöglichen es den Adivasi, sich aus der Schuldenfalle von Krediten mit Wucherzinsen zu befreien. Die Banken basieren auf Solidarität, indem die Mitglieder einander gegenseitig zinslos aushelfen. Erst wurden Getreidebanken bei Männern umgesetzt. Später haben die Frauen analog dazu Reisbanken gestartet. So wird etwa vor dem Kochen täglich eine Handvoll Reis zurückgehalten und gesammelt. Diesen legen die Frauen zusammen und geben davon an Familien, die keinen Reis für den Tag haben.

Zu Gast in der Schweiz

Caesar Henry, der Kampagnengast von Fastenopfer, ist Priester der Diözese Dibrugarh im Bundesstaat Assam im Nordosten Indiens. Caesar Henry studierte Theologie und Politikwissenschaften. Seit fast 30 Jahren arbeitet er für und mit den Adivasi. Diese gelten in Assam als nicht einheimische ethnische Gruppe und werden stark benachteiligt. Sie wurden in der Kolonialzeit aus Zentralindien als Arbeitskräfte in die Teeplantagen geholt. Heute arbeiten noch immer viele in den Plantagen, andere bebauen ihr eigenes Land. Die einen sind sehr schlecht bezahlt, die anderen verlieren ihr Land aufgrund von Verschuldung oder der Ausdehnung der Teeplantagen auf ihren Böden. Auf diesem Hintergrund engagiert sich Caesar Henry für die Adivasi: «Ich betrachte es als meine Pflicht, die Menschen von ihren Schuldenfallen und von der schamlosen Ausbeutung der Geldausleiher zu befreien. Wir sichern ihre Landrechte ab, engagieren uns für Ernährungssicherheit und politische Teilhabe.»