Der neue Caritas-Präsident Claudius Luterbacher, Bischöflicher Kanzler des Bistums St. Gallen und und Ökonom. | © Caritas Schweiz
17.06.2021 – Aktuell

«Es ist eine Menschenpflicht, solidarisch zu sein»

Im Gespräch mit Claudius Luterbacher, dem neuen Präsidenten von Caritas Schweiz

Der Kanzler des Bistums St. Gallen, Claudius Luterbacher (42), ist neuer Präsident von Caritas Schweiz. Anders als bisher steht kein Politiker, sondern ein Mitglied einer Bistumsleitung an der Spitze. Die Caritas werde dadurch nicht klerikaler, kündigt Luterbacher an.

Mit welcher Kernbotschaft treten Sie das neue Amt an?
Claudius Luterbacher: Caritas steht für Solidarität. Wir geben den Armen und Schwachen eine Stimme. Das war bislang so – und das soll auch in Zukunft so sein.

Die bisherigen Caritas-Präsidentinnen und -Präsidenten waren CVP-Politiker/innen oder CVP-nah. Man könnte sagen, als Kanzler des Bistums St. Gallen gehören Sie zur «Partei der Bischofskonferenz». Wird die Caritas nun klerikaler?
Nein. Ich sehe da kein Spannungsfeld. Ich würde sogar sagen: Für einen ehemaligen Politiker ist das Spannungsfeld anspruchsvoller, weil hinter ihm eine Partei, Netzwerke und Verpflichtungen stehen. Ich denke, ich bin da freier. Und ich traue mir zu, die Aufgaben zu trennen: Als Caritas-Präsident habe ich die Interessen der Caritas im Blick, nicht die der Bischofskonferenz. Ausserdem sehe ich nicht, dass die Caritas und die Bischöfe unterschiedliche Interessen haben.

Welches Kirchenbild haben Sie? Ein juristisches, wonach Caritas nicht Kirche ist? Oder steht Caritas für eine diakonische Kirche in der Welt von heute?
Caritas ist als Verein organisiert – und damit eine privatrechtliche Institution. Juristisch sind Caritas und Kirche klar getrennt. Aber Caritas ist unter anderem auch getragen vom Engagement vieler Getauften, die für Solidarität und Nächstenliebe einstehen. Von daher ist Caritas auch Kirche. Es ist auch kein Zufall, dass viele kirchliche Institutionen Vereinsmitglieder von Caritas sind.

Sie treten vor allem als Kanzler und Kirchenrechtler in Erscheinung – in Ihrer Dissertation haben Sie sich aber mit Wirtschaftsethik auseinandergesetzt. Wird das neue Amt ein Déjà-vu?
Ich habe mich stark mit Adam Smith beschäftigt. Der geht von einer Harmonie der Märkte aus, die gottgegeben ist. Wir wissen: Diese Harmonie fällt nicht vom Himmel. Dafür müssen wir etwas tun und uns solidarisch verhalten.

Adam Smith steht für die Metapher der «unsichtbaren Hand». Ist die Caritas das Gegenteil: eine sichtbare Hand?
Die Zusammenhänge in der Welt sind komplex. Es reicht nicht zu sagen: Wir müssen alles deregulieren – und dann kommt alles in eine wunderbare Harmonie. Damit würden wir Adam Smith missverstehen. Solidarität ist eine ethische Verpflichtung, egal ob es um einen Erdrutsch in Bondo oder um ein Erdbeben in Nepal geht. Menschenrechte bringen auch Menschenpflichten mit sich. Es ist eine Menschenpflicht, solidarisch zu sein.

Was bedeutet das für die Gegenwart?
Wenn wir heute von Klima sprechen wie Papst Franziskus in «Laudato si‘», dann erkennen wir einen Zusammenhang von Klima und Armut. Das bedeutet für uns: Wir müssen in der Schweiz den CO2-Ausstoss reduzieren, gleichzeitig aber auch anerkennen, dass wir im Sinne einer Klimagerechtigkeit Verantwortung tragen für Menschen und Regionen, die vom Klimawandel besonders betroffen sind.

Wo muss die Caritas noch besser werden? Wer rutscht bislang durchs Raster?
Die Caritas kann nicht alles machen. Es gibt sicher blinde Flecken. Ich könnte mir vorstellen, dass auf dem Land die Hemmschwelle, Unterstützung anzunehmen, manchmal grösser ist als in den Städten, wo es anonymer zugeht. Es ist wichtig, die Orte ausfindig zu machen, wo Bedarf ist und staatliche Stellen nicht hingelangen.

Die Barmherzigen Schwestern in Zürich sagten neulich zu kath.ch: Die Armut in Zürich ist weniger sichtbar geworden – obwohl sie gestiegen ist. Machen Sie ähnliche Erfahrungen?
Die Schweiz ist sehr vielfältig. In St. Gallen haben wir eine Region Richtung Zürichsee, wo sich manche Menschen keinen erschwinglichen Wohnraum mehr leisten können. Das ist eine andere Form von Armut als die Bergbauern, die um Hilfe bitten. Existenzielle Probleme von Sans-Papiers sind während der Coronakrise in Genf plötzlich sichtbar geworden. Die Armut hat in der Schweiz viele Gesichter. Klar ist aber: Die Coronakrise hat die Zahl der Armutsbetroffenen erhöht.

Als Kanzler und Kirchenjurist haben Sie viel mit Akten zu tun. Kennen Sie auch die Realität, mit der die Caritas jeden Tag zu tun hat?
Natürlich bewege ich mich – wie jeder Mensch – in einer eigenen Bubble. Aber ich versuche, aus der immer wieder auszubrechen. Am meisten hilft mir, meinen Sohn auf ein Fussballspiel zu begleiten. Da weiss niemand, was ein Bistum oder ein Kanzler ist. Da bin ich einfach als Vater da und treffe auf die unterschiedlichsten Menschen – und lerne ganz, ganz viel.

Interview: Raphael Rauch, kath.ch

(gekürzte Fassung; das Interview in voller Länge ist hier abrufbar)