René Brodbeck bei der Arbeit an einer neuen Ikone in seiner Wohnung in Ormalingen. | © Christian von Arx
13.01.2022 – Aktuell

Der Ikonenmaler von Ormalingen

René Brodbeck versenkt sich in der Freizeit ins Schaffen von Ikonen

Weder seinen Wohnort noch seinen Beruf würde man spontan in Beziehung zur Ikonenmalerei setzen. Und doch: Wenn er seine Wohnungstür öffnet, führt der Vorsorgeberater René Brodbeck den Besucher in die Welt der Ikonen.

Ikonen: Das sind doch die Heiligenbilder der Orthodoxen, wie man ihnen vielleicht auf Reisen in Griechenland, Bulgarien oder Russland begegnet. In Westeuropa würde man sie am ehesten in einer orthodoxen Kirche suchen, aufmerksam gehütet von einem bärtigen Priester im dunklen Gewand. Oder in einem Museum für sakrale Kunst.

Ein Ikonenatelier gibt es aber auch im oberen Baselbiet, in einer Privatwohnung nahe beim Dorfzentrum von Ormalingen. Doch wenn René Brodbeck die Tür öffnet, trägt er T-Shirt und Jeans, begrüsst den Gast in vertrautem Baseldytsch und bittet ihn herein in eine modern eingerichtete, helle Wohnung. Auch sein Beruf klingt nicht besonders kirchlich: Versicherungs- und Vorsorgeberater bei der Raiffeisenbank Liestal-Oberbaselbiet.

Da und dort verraten Gegenstände in der Wohnung ein paar Hobbys des Hausherrn: Er baut Modellflugzeuge und Modelleisenbahnen und spielt leidenschaftlich Brettspiele. Aber dann fällt der Blick auf eine Wand mit fünf Ikonen. Streng stilisierte Heiligenfiguren auf Goldgrund, beschriftet mit griechischen Buchstaben: Petrus, Michael, Antonius, Joseph – und Christus. Eine weitere mit Maria steht auf dem Tisch. Und die Ikonen hat Brodbeck, mit einer Ausnahme, selber gemalt. Wie kam er dazu?

Das Geschenk vom Götti

«Vor ein paar Jahren schenkte mir mein Götti Joseph Braun eine Ikone mit dem Erzengel Michael zum Geburtstag. Seither hats mich gepackt», erzählt der Ormalinger. Pater Joseph Braun, heute 80-jährig, ist ein Immenseer Missionar, der jahrzehntelang in Sambia wirkte, jetzt aber in Immensee lebt. Er hat sich nicht nur ein fundiertes Wissen über die Ikonenmalerei angeeignet, sondern auch die Technik von Grund erlernt. Seine Ikonen hat P. Braun schon mehrmals öffentlich ausgestellt.

In vielen Stunden habe ihm sein Götti das Handwerk, aber auch den geistigen Hintergrund der Ikonenmalerei weitergegeben, berichtet René Brodbeck, der in seiner Jugend gerne Grafiker geworden wäre und die Kunstgewerbeschule besucht hätte, dann aber Maschinenzeichner lernte. Auch dort braucht er eine ruhige Hand.

Es ist eine langsame, meditative Arbeit, die grosse Sorgfalt und Geduld erfordert. «Wenn man malt, spürt man eine grosse innere Kraft», sagt Brodbeck. Oft höre er dazu Musik. «Es geht fast ohne Studieren, die Hand wird geführt …» Zustimmend zitiert er die Worte von P. Joseph Braun: «Ikonen malen ist nicht einfach eine Freizeitbeschäftigung – es ist eine Liturgie, ein Gebet und eine Meditation, ja sogar eine Berufung.»

Gold – Symbol des göttlichen Lichts

Auf etwa drei volle Arbeitstage, die er jeweils auf zwei bis drei Monate verteilt, schätzt Brodbeck seinen Zeitaufwand für eine Ikone. Der finanzielle Aufwand für das kostbare Material erreicht einen vierstelligen Betrag. Basis ist ein Holzbrett, das er im gewünschten Format – die grössten messen 22,5 x 31,5 cm – von einem Schreiner der Umgebung bezieht. Das Brett wird mit Kreide vorbereitet, dann wird es mit hauchdünnen Goldplättchen belegt – überlappend, sodass eine einheitliche Fläche entsteht. Das für die Ikonen so typische Gold symbolisiert das göttliche Licht.

Erst jetzt beginnt das Malen mit Farbe: Zuerst die ganze Fläche der Figur in dunkler Farbe, dann die Gewänder noch ohne Falten, und schliesslich mit immer helleren Farben die sogenannten Aufhellungen: Vom Dunkel zum Licht, vom Tod zum Leben. Die Farben werden mit Eigelb angerührt, wie Brodbeck erklärt: «Das Ei, ein wichtiges Symbol für das Leben, steht als Zeichen der Auferstehung des Lebens.» Signiert mit Namen und Datum werden die Ikonen nicht. Dahinter steht die Vorstellung, dass der Maler oder Ikonograph nicht eigene Bildideen verwirklicht, sondern das Urbild der Heiligen Schrift umsetzt.

Zum Schluss wird die Ikone in einem speziellen russisch-orthodoxen Ritus mit Weihwasser, Chrisamöl und Weihrauch gesegnet. Bei René Brodbeck ist es natürlich sein Götti Joseph Braun, der der die Ikonen geweiht hat.

Eine eigene Beziehung zur Religion

Die ganze Arbeit an der Ikone hat eine spirituelle Bedeutung. René Brodbeck, der dieses Jahr 60 wird, ist katholisch aufgewachsen und war in seiner Jugend in Riehen Ministrant. Doch sein späteres Leben war nicht besonders religiös geprägt, zumindest nicht in einem kirchlichen Sinn. Erst durch das Ikonenmalen sei seine Beziehung zur Religion wieder stärker geworden, sagt er. Schon früher hatte das Yoga sein Interesse an Meditation und buddhistischer Spiritualität geweckt. Heute empfindet er sowohl die katholische wie die buddhistische Welt als wichtig für seinen Lebensalltag.

Nur wenige wissen davon

Der Vorsorgeberater einer Bank als Ikonenmaler – wie reagiert sein privates und berufliches Umfeld darauf? Bei der Arbeit wisse praktisch niemand davon, erzählt René Brodbeck. Seine Kinder und Kollegen, die zu ihm zu Besuch kommen, reagierten überrascht und erstaunt. Besonders angesprochen von den Ikonen fühlten sich die Italiener in seinem Bekanntenkreis.

Ausgestellt hat René Brodbeck seine Werke bis jetzt nie. Wenn sich dafür eine Gelegenheit ergäbe, wäre er durchaus dabei, meint er. So oder so tut ihm die meditative Versenkung in seine Ikonen gut. Bei unserem Besuch hatte Brodbeck eine Ikone mit Johannes dem Täufer in Arbeit.

Christian von Arx

 

Hier arbeitet René Brodbeck an einer Ikone von Johannes dem Täufer. Im Vordergrund links seine Marien-Ikone. | © Christian von Arx
Christus-Ikone von René Brodbeck. | © Christian von Arx
René Brodbecks Ikonenwand. Untere Reihe, von links: Apostel Petrus, Erzengel Michael (Ikone von P. Joseph Braun), Antonius der Grosse; oben Mitte Christus, oben rechts Joseph. | © Christian von Arx