«Neige das Ohr deines Herzens!» Der hörende Josef, Holzplastik von Br. Josef Belling OSB. | © Beuroner Kunstverlag
30.08.2018 – Impuls

DEUTERONOMIUM 4,1–2.6–8

Mose sprach zum Volk: Israel, höre die Gesetze und Rechtsvorschriften, die ich euch zu halten lehre. Hört, und ihr werdet leben, ihr werdet in das Land, das der Herr, der Gott ­eurer Väter, euch gibt, hineinziehen und es in Besitz nehmen. Ihr sollt dem Wortlaut dessen, worauf ich euch verpflichte, nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen; ihr sollt auf die Gebote des Herrn, eures Gottes, achten, auf die ich euch verpflichte. Ihr sollt auf sie achten und sollt sie halten. Denn darin ­besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker. Wenn sie dieses Gesetzeswerk kennen lernen, müssen sie sagen: In der Tat, diese grosse Nation ist ein weises und gebildetes Volk.

Denn welche grosse Nation hätte Götter, die ihr so nah sind, wie Jahwe, unser Gott, uns nah ist, wo immer wir ihn anrufen? Oder welche grosse Nation besässe Gesetze und Rechtsvorschriften, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?       

Einheitsübersetzung

 

Hört, und ihr werdet leben!

«Hört, und ihr werdet leben!» Wie ein roter Faden zieht sich dieser Zusammenhang durch die Bibel. «Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig» (Dtn 6,4) lautet wenig später das Glaubensbekenntnis des jüdischen Volkes. Das Hören auf das Wort Gottes, das Erkennen dessen, was Gott sagt – durch die Propheten, durch die Schrift, durch die Schöpfung, das ist das, was uns Menschen leben lässt, was uns ein würdiges Leben, ein Leben in Fülle ermöglicht –, wenn wir umkehren und anders handeln.

Immer wieder werden die Propheten angesprochen: «Und das Wort des Herrn erging an mich», heisst es mehrfach beim Propheten Jeremia. Oft kommt das Wort ungelegen. Und trotzdem: es wird gehört, interpretiert und verkündet. Auf dass es auf offene Ohren stos­se.

Auf offene Ohren stiess das Wort eines Engels an eine junge Frau, die es gehört und Ja gesagt hat: Maria, als der Engel ihr verkündete, sie würde ein Kind zur Welt bringen. Und Josef hat das Ohr seines Herzens weit geöffnet, als ihm zuerst im Traum gesagt wurde, er solle Maria zur Frau nehmen und dann, später, er solle mit Maria und dem Kind vor König Herodes nach Ägypten fliehen. Die Planung war eine andere.

Dort, wo Menschen hören und sagen: auf dein Wort hin – auch wenn die Planung eine andere ist, auch wenn das Wort ungelegen kommt –, dort kann sich ihr Leben und die Welt verändern. Nicht umsonst beginnt die fast 1500 Jahre alte Regel des heiligen Benedikt mit den Worten: «Höre, mein Sohn, meine Tochter, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens!» Das Hören ist das, was wir dem Gott entgegenbringen können, der seit Anbeginn der Zeit und von Mutterleib an vielfältig und auf vielerlei Weise zu uns spricht. Und Antwort können wir geben ebenfalls vielfältig und auf vielerlei Weise.

So wie Samuel aufgeweckt wurde durch den Anruf Gottes, so dürfen auch wir uns immer wieder aufwecken lassen. «Stehen wir also endlich einmal auf! Die Schrift rüttelt uns wach und ruft: ‹Die Stunde ist da, vom Schlaf aufzustehen›», schreibt Benedikt in seiner Regel. «Hört, und ihr werdet leben», sagt Mose im Namen Gottes zum Volk.

Doch worauf müssen wir unser Ohr heute richten? Worauf sollen wir hören im Konzert, ja, in der Kakophonie der vielen Stimmen? Worauf müssen wir achten, damit wir und die ganze Schöpfung auch in Zukunft leben können?

Papst Franziskus ruft uns in seiner Enzyklika «Laudato si» auf, den Schrei unserer Schwester, der Mutter Erde, zu hören und uns dafür einzusetzen, dass der Schaden, den wir ihr «aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchs und des Missbrauchs der Güter zufügen» (Nr. 2), begrenzt wird. Er beschreibt detailliert die Ausbeutung und die dadurch bedingten Umweltkatastrophen, um dann zu schliessen: «Diese Situationen rufen das Stöhnen der Schwester Erde hervor, die sich dem Stöhnen der Verlassenen der Welt anschliesst, mit einer Klage, die von uns einen Kurswechsel verlangt.» (Nr. 53). «Die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde» (Nr. 49), das ist unser dringender Auftrag. Jetzt. Wenn wir ihn mit Weisheit und Gerechtigkeit erfüllen, dann werden wir leben.

Dorothee Becker, Theologin und Seelsorgerin, Pfarrei Heiliggeist, Basel