Ein Gespräch, das Interesse an der Arbeit und der Person zeigt, kann berühren und motivieren. (Foto: clipdealer)
21.07.2018 – Impuls

JEREMIA 23,1–6
«Weh den Hirten, die die Schafe meiner Weide zugrunde richten und zerstreuen – Spruch des Herrn.
Darum – so spricht der Herr, der Gott Israels, über die Hirten, die mein Volk weiden: Ihr habt meine Schafe zerstreut und versprengt und habt euch nicht um sie gekümmert. Jetzt ziehe ich euch zur Rechenschaft wegen eurer bösen Taten – Spruch des Herrn.
Ich selbst aber sammle den Rest meiner Schafe aus allen Ländern, wohin ich sie versprengt habe. Ich bringe sie zurück auf ihre Weide; sie sollen fruchtbar sein und sich vermehren. Ich werde für sie Hirten bestellen, die sie weiden, und sie werden sich nicht mehr fürchten und ängstigen und nicht mehr verlorengehen – Spruch des Herrn.»

Einheitsübersetzung (gekürzt)

 

Hirten und Hirtinnen geben Kraft und Elan

Im Frühjahr dieses Jahres luden zwei Professorinnen an der Theologischen Hochschule Chur alle Frauen, welche seit 1968 dort studiert haben, zu einem Treffen ein. Welcher Reichtum an Erfahrung wurde da ausgebreitet wie ein grosser, bunter Teppich. Wir erinnerten uns, welche Personen uns vor und während des Studiums geprägt haben, ja uns ermutigt und Kraft gegeben haben, das Theologiestudium und die spätere jahrzehntelange kirchliche Tätigkeit als Theologinnen und Seelsorgerinnen zu beginnen und auszuüben. Wir gehörten damals zu den Pionierinnen. Ich erinnerte mich an folgende Begegnung. Der damalige Bischof Anton Hänggi kam zu Besuch und lud alle Studierenden des Bistums Basel zu einem Einzelgespräch in die Arvenstube des Priesterseminars in Chur ein. Wer diesen Geruch von Arve, vom Boden bis zur Decke, kennt, vergisst ihn nie mehr. Er gab mir ein Gefühl der Bodenständigkeit. So sass ich mit Bischof Hänggi allein am Tisch. Er fragte, hörte zu, interessierte sich für meine Erfahrungen im Elendsviertel in Paris, war da mit seiner gütigen, herzlich-warmen Art. An den Inhalt des Gespräches mag ich mich nicht mehr gross erinnern. Aber das Interesse an meiner Person als suchende Frau hat mich berührt und mich unglaublich motiviert. – «Ein Hirte» interessiert sich für mich? Es ist keine alltägliche Erfahrung, nicht?

Oder einer meiner Chefs lud mich zu einem Gespräch in sein Büro ein. Ich dachte schon, dass irgendetwas nicht gut gelaufen sei. Mir wurde recht mulmig dabei. Jedoch interessierte er sich für meine Arbeit und wie es mir geht. Und das Allerwichtigste in jenem Moment: «Wenn Sie etwas brauchen oder nicht gut läuft, Sie können jederzeit bei mir vorbeikommen.» Er gehört aber nicht zu den kirchlichen Chefs, sondern ist ein Gefängnisleiter. Und wenn er im Besucherraum, wo ich die Gefangenen empfange, mit einem Gast vorbeikommt, stellt er mich immer vor und sagt: «Das ist unsere Seelsorgerin.» So etwas berührt und gibt Kraft und Elan.

«Ich selbst aber bringe die Zerstreuten und Verlorenen zurück auf ihre Weide; sie sollen fruchtbar sein …»

Dem Propheten Jeremia sind alle Hirten offenbar suspekt. Sie handeln entweder zu ihrem eigenen Vorteil, zur Selbstdarstellung oder nehmen ihren Auftrag nicht ernst, für die zu sorgen, die ihnen anvertraut sind.

Wir können hier viele Beispiele anfügen, wo Hirten ihre Anvertrauten entweder nicht sehen, nicht ernst nehmen oder sogar missbraucht haben. Das Nicht-ernst-genommen-Werden der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Anvertrauten ist weitverbreitet, nicht nur in der Kirche. Ich höre oft davon. Manchmal höre ich aber auch, dass es im Leben von Menschen Vorgesetzte gab und gibt, die sie gefördert und unterstützt haben, über ihre Pflicht hinaus.

Hirte oder Hirtin sein ist eine feine und verantwortungsvolle Arbeit. Zu entdecken, was ein Mensch braucht und ihm das Mögliche zu geben, ist interessant. Andere Menschen zu nähren, damit sie gestärkt weiter­gehen können, ist erfüllend und macht Freude. Wir alle sehnen uns nach inspirierten, nach nährenden Hirten und Hirtinnen, nach Menschen, die einen Sinn für das Gemeinsame haben, die zusammenführen können und die schlicht und einfach Freude an den Menschen haben.

«… und sie werden sich nicht mehr fürchten und ängstigen und nicht mehr verlorengehen – Spruch des Herrn.»

Letztlich und im Tiefsten ist es «der Hirte» selbst, der uns leitet und führt: «Denn du bist bei mir», wie der Psalmist weiss (Psalm 23).

Anna-Marie Fürst, Theologin, arbeitet in der Gefängnisseelsorge und in der Seelsorge für Menschen mit Behinderung in den Kantonen Aargau, Basel-Stadt und Zug