Er hat angepackt: Der am 5. Mai verstorbene Pater Bonifaz (rechts) beim Abbau des Hochaltars für die Innenrestaurierung der Klosterkirche Mariastein im Jahr 2000. | © Kloster Mariastein
28.05.2020 – Impuls

Apostelgeschichte 26,19f.

Daher habe ich bei den Heiden verkündet, sie sollten umkehren, sich Gott zuwenden und der Umkehr entsprechende Taten tun.

Einheitsübersetzung 2016

 

Heiliger Tatendrang

Wenn ich den Namen Bonifaz höre, denke ich nicht an den heiligen Bonifatius, den Apostel Deutschlands aus dem 8. Jahrhundert, sondern ich sehe vor mir meinen Mariasteiner Mitbruder, der sich vor über 60 Jahren als junger Mönch diesen Klosternamen ausgewählt hatte: Pater Bonifaz. Am 5. Mai ist er gestorben. Still, gottergeben, unauffällig legte er sein 83-jähriges irdisches Leben zurück in die Hände des Schöpfers.

Corona-bedingt mussten wir ihn genauso still und unauffällig in der Gruft der Klosterkirche beisetzen. Ein merkwürdiger Moment. Denn bis kurz vor seinem Tod hatte er unter Aufbietung seiner letzten Energie und seiner rapide schwindenden Schaffenskraft noch an der Erforschung dieser Kirche, «seiner» Kirche gearbeitet. Bis in die letzten Details wollte er wissen und herausfinden, wie im Laufe der Jahrhunderte das Innere der Basilika verändert wurde, welche baulichen und künstlerischen Leitlinien verfolgt wurden, wer die Künstler und Handwerker waren. Pater Bonifaz hat in den 70er- und 80er-Jahren die Gesamtsanierung der Klosteranlage und im Jahr 2000 die Innenrestaurierung der Klosterkirche wesentlich mitbestimmt und mit bewundernswerter Schaffenskraft, mit Kompetenz und Zähigkeit vorangetrieben. Er hinterlässt zahlreiche Dossiers zur klösterlichen Kunst- und Baugeschichte, die er in der Zeit seiner Krankheit erstellt hatte.

Exakt einen Monat vor seinem Namenstag starb P. Bonifaz. Hinter seinem merkwürdigen Namen, der so gut zu ihm passte, steckt die faszinierende Biografie eines englischen Benediktiners aus dem Frühmittelalter. Allein schon sein Alter weist darauf hin, dass er eine ausserordentlich starke Persönlichkeit gewesen sein muss; er wurde 80 Jahre alt, für die damaligen Verhältnisse uralt.

Die erste Hälfte seines Lebens verbrachte Winfried als gelehrter und frommer Mönch im Kloster Exeter. Fulminant und komplett anders verlief seine zweite Lebenshälfte. Rastlos war er unterwegs auf dem europäischen Festland, missionierte (erfolglos) bei den Friesen, pilgerte nach Rom, ging bei Bischof Willibrord von Utrecht in die Lehre, kehrte ein zweites und ein drittes Mal zurück nach Rom, wurde vom Papst als «Bonifatius» nach Bayern, Hessen und Thüringen gesandt, wo er als Missionar und Bischof die Christianisierung vorantreiben und die Kirche reorganisieren sollte.

Diskutieren und Argumentieren waren nicht sein Ding. Um die Überlegenheit des Christengottes über die altgermanischen Götter unter Beweis zu stellen, griff Bonifatius kurzerhand zur Axt und fällte eigenhändig die Donar-Eiche in Geismar, einem der wichtigsten germanischen Heiligtümer; ein Vorgehen, das wir heute, im Zeitalter des interreligiösen Dialogs wohl ziemlich kritisch beurteilen. Als er in einem zweiten Anlauf die Friesen für den christlichen Glauben gewinnen wollte, wurde er mit seinen Gefährten erschlagen; darum wird er in der Kirche als Märtyrer verehrt. Na ja.

Für den Apostel Paulus war klar: Glaube darf nicht folgenlos bleiben. Die Abkehr von der Gottlosigkeit und die Hinwendung zu dem einen wahren Gott muss sich manifestieren in entsprechenden Taten. Ob Bonifatius, ob Bonifaz: Jeder hat die Mahnung des Apostels auf seine Weise ins Leben übersetzt und wahr gemacht. Zwei Männer voll Tatendrang, die ihren Christusglauben durch ihr handfestes Tun manifestierten. Wir können nur hoffen, dass dieser Menschenschlag – «Haudegen Gottes» – der Kirche erhalten bleibt.

Abt Peter von Sury, Mariastein