Um Frieden bitten: Der Abtstab des hl. German, ein mit merowingischer Goldschmiedekunst verzierter Haselzweig von nur 119,5 cm Länge und 2 bis 2,4 cm Durchmesser (7. Jahrhundert). | © Musée jurassien d’art et d’histoire à Delémont, photographie Pierre Montavon
11.02.2021 – Impuls

Lukas 14,31–32

Wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt? Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden.

Einheitsübersetzung 2016

 

Halt auf Verlangen

In der Bahn, die von Solothurn quer durch den Jura tuckert, leuchtet kurz vor Moutier der Hinweis auf: «Halt auf Verlangen – Arrêt sur demande». Wer zum Wagenfenster hinausschaut, wird eine kleine Haltestelle entdecken mit dem Namenschild «Grandval». Vier Minuten später treffen wir in Moutier ein. Endstation, oder umsteigen.

Hinter dem unscheinbaren Ortsnamen verbirgt sich die grosse Geschichte des Klosters Moutier-Grandval (lateinisch: «Monasterium Grandisvallis»), gegründet im 7. Jahrhundert, in den Wirren des Merowingerreiches. Aus einem einfachen Grund: In Luxeuil, wo der iro-schottische Wandermönch Kolumban fünfzig Jahre zuvor ein Kloster errichtet hatte, gab es mittlerweile zu viele Mönche, um die 600. Einige von ihnen wurden ausgeschickt, um in der felsigen Wildnis am Oberlauf der Birs ein Kloster zu errichten, mit German als Abt und Randoald als Prior. Beide starben am 21. Februar 675 eines ruchlosen Todes, weil sie sich gegen Schikane und Ungerechtigkeit gewehrt und sich fürs geplagte Volk, das schutzlos der Willkür des rücksichtslosen Despoten Eticho ausgesetzt war, eingesetzt hatten. Im 12. Jahrhundert wurde das Kloster zu einem Chorherrenstift umgewandelt, das im 16. Jahrhundert wegen der Reformation nach Delsberg umzog. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verschwand es definitiv von der Bildfläche. Im Mittelalter pflegten das Stift Münster-Granfelden, so hiess es auf Deutsch, und das Kloster Beinwil – das Mutterhaus von Mariastein – gutnachbarschaftliche Beziehungen. German und Randoald und ihre Reliquien werden bei uns bis heute verehrt.

Wertvoller ist das Glaubenszeugnis von German und Randoald, die Erinnerung an ihren beherzten Einsatz gegen Gewalttätigkeit und Willkür, ihr tapferes Einstehen für Gerechtigkeit gegenüber Entrechteten, Unterdrückten, Verfolgten.

Wertvoll sind auch zwei Prachtstücke aus dem Frühmittelalter, die eng mit ihren Namen verbunden sind, zwei Kostbarkeiten, die das hochstehende kulturelle und religiöse Leben des Klosters Moutier-Grandval dokumentieren. Da ist der prächtige Abtstab des heiligen German, weltweit der älteste seiner Art, aufbewahrt im Historischen Museum in Delsberg. Da ist ferner die ums Jahr 840 im Martinskloster in Tours entstandene, wunderschön illuminierte «Bibel von Moutier-Grandval». Sie gelangte über abenteuerliche Umwege 1836 ins British Museum in London (einsehbar im Internet).

Im Jura wird derweil munter weitergestritten. Ende März sind die Stimmberechtigten von Moutier einmal mehr an die Urne gerufen, um über ihre Kantonszugehörigkeit zu entscheiden.

Bleibt das martialische Gleichnis, in welchem Jesus von den Kriegsplänen eines Königs spricht. Was will er uns damit sagen? – Vielleicht nur so viel: Ob auf der Bahnfahrt durch den Jura, ob auf dem Weg durchs Leben, ein «Halt auf Verlangen» empfiehlt sich allemal; anhalten und aussteigen, sich hinsetzen und überlegen: German oder Eticho? Aufrüsten oder um Frieden bitten? Grenzen verschieben oder ein Kloster gründen? Kulturgüter schaffen oder umsteigen? Endstation oder für die Ewigkeit werben?

Halt auf Verlangen: sich hinsetzen und überlegen – das wär doch was!

Peter von Sury, Abt des Benediktinerklosters Mariastein­